Diskussion Klimabewegung - Gipfelhopping oder global day of action?
Same Procedure as Every Year...?
Gestern abend war ich endlich mal bei einem Workshop, oder genauer, bei einem der ‘side events', der selbstorganisierten Veranstaltungen, die neben den offiziellen Arbeitsgruppen laufen, und auf denen in vielen Faellen die interessanteren Diskussionen stattfinden. Thema: wie sollen sich die sozialen Bewegungen nach dem Scheitern des Gipfels in Kopenhagen gegenueber dem UN-Klimaprozess verhalten? Die Antwort scheint oft zu sein: einfach weitermachen. Nach Cancun in Mexiko mobilisieren (dort findet Ende dieses Jahres der 16. Klimagipfel statt), und wieder darauf hoffen, dass dort nichts schlimmes passiert. Mit der Cochabamba-Konferenz in Ruecken glauben einige gar, dass dort die Kraefteverhaeltnisse umgekehrt werden koennten, dass wir endlich den ´fairen, ambitionierten und verbindlichen' Deal haben koennten, den einige Umweltorganisationen letztes Jahr in Kopenhagen noch bis wenige Stunden vor dem Zusammenbruch des Gipfels herbeihalluzinierten. Auch gestern Abend wurde diese steile These wieder von einigen vertreten: alle Kraefte nach Cancun!
Dazu faellt mir immer ein, wie Albert Einstein den Wahnsinn definierte: immer wieder das Selbe tun, und darauf hoffen, das etwas anderes dabei rauskommt. Nach 15 gescheiterten Gipfeln, nachdem trotz UN-Klimarahmenkonvention und Kyoto globale Emissionen ansteigen, und immer schneller ansteigen; nachdem der einzige greifbare Effekt dieser Gipfel die Existenz eines 100 Milliarden US-Dollar grossen Spielplatz fuer Finanzkapital ist (der Markt fuer Emissionsrechte, auf dem bei 80 bis 90 Prozent aller Transaktionen bloss Derivate und gar keine wirklichen ‚Emissionsrechte' verkauft werden); nachdem sich die Umweltorganisationen 15 Jahre an diesem Prozess die Zaehne ausgebissen haben, und letztes Jahr Kopenhagen als die wirklich ‚letzte Chance' aufgebauscht hatten - jetzt wieder der selbe Mist? Same procedure as last year? Same procedure as every year, James...
Gluecklicherweise aendert sich doch manchmal etwas: die Diskussion gestern war spannend und kontrovers, und die VerfechterInnen eines weiteren Fokus auf die UN wurden in die Defensive gedraengt. Tom Kucharz von der spanischen Gruppe Ecologistas en Acción schlug vor - wie das in der BRD auch Juergen Maier von der Klimaallianz getan hat - sich eher auf das Verschieben von Kraefteverhaeltnissen in lokalen und nationalen Raeumen zu konzentrieren. Das aktionistische internationale Netzwerk Climate Justice Action (full disclosure: in dem ich auch aktiv bin) argumentiert gar, dass es keine globale Mobilisierung nach Cancun geben sollte - was waere davon schon zu erwarten? Stattdessen wird dort von einem globalen ‚day of direct action for climate justice', einem Tag der direkten Aktion fuer Klimagerechtigkeit, gesprochen, der am 12. Oktober 2010 stattfinden soll. Das Argument: da es keinerlei Belege dafuer gibt, dass UN-Verhandlungen irgendeinen positiven Effekt auf den Klimawandel, gar die Klimagerechtigkeit haben koennen, muessen wir die Dinge nun selbst in die Hand nehmen. Der Aufruf stellt fest: „Dies ist kein Tag fuer Maersche oder Petitionen. Es ist ein Tag, an dem wir die Macht zuruecknehmen" und selbst gegen den Klimawandel und fuer Klimagerechtigkeit kaempfen. Mal sehen, wie der Aufruf wahrgenommen wird...
Kleiner Nachtrag: was genau Klimagerechtigkeit eigentlich ist, dass scheint noch niemand genau zu wissen. Aber zumindest reden hier alle davon. Darueber aber morgen mehr...
Tadzio Mueller, Cochabamba, 21/4/10




