Friedrichshagener Bürgerinitiative

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Friedrichshagener Bürgerinitiative

Unter dem Motto “Kein Fluglärm über der Müggelsee-Region” entstand am 15. April 2011 die Friedrichshagener BürgerInitiative (FBI). Das überparteiliche und unabhängige Bündnis ist eine Projektgruppe des Bürgervereins Friedrichshagen e.V. Die FBI ist Mitglied des Bündnis Südost und d... mehr »
12.12.2012, 15:47 Uhr

Berlins gefährdeter Schatz

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Berlins gefährdeter Schatz

Den BBI-Gegnern aus Friedrichshagen wird nicht selten mit Kritik begegnet. Dabei geht es um viel mehr als Kleingartenmentalität

Immer Montags kommt Bewegung ins Dorf: Seit anderthalb Jahren protestieren knapp tausend Bürger aus Friedrichshagen am Marktplatz gegen die Abflugroute 25 – die sogenannte, voraussichtlich am stärksten frequentierte, Müggelseeflugroute. Bis zum 4.7.2011 gab es sie offiziell nicht. In dem bis dahin geltenden Infoheft zum Flughafen BBI von 2002 war eine solche Strecke nicht kartiert. Diese Angaben nutzte die Regierung zuletzt 2009 in einem EU-Beihilfeverfahren mit dem Hinweis auf eine angeblich geringfügige Betroffenheit der Bürger. Seitdem die Wahrheit ans Licht kam, gibt es kein Halten mehr.

 „Das ist eine Gaukelroute“ meint Ralf Müller, einer der Aktivisten. Er meint den vorgegebenen Weiterverlauf der Route 25 hinter dem Müggelsee. Auf der Kartierung knickt die Linie erst nördlich der Stadt nach Westen ab. Tatsächlich aber ist den startenden Fliegern das Verlassen der Bahn ab einer Flughöhe von 1500m gestattet. Diese Höhe wurde vergangenen Monat bei einem Testflug auf der Mitte des Müggelsees erreicht. „Es werden noch viel mehr Menschen vom Lärm betroffen sein“ sagt Aktivist Manfred Kurz. „Da der Flugverkehr hauptsächlich nach Westen, also etwa London und Paris, abgewickelt wird, werden die Flugzeuge so früh wie möglich die Richtung wechseln und vom Müggelsee aus direkt über die Innenstadtgebiete steuern.“

Welche Auswirkungen wird die Route 25 auf den Müggelsee haben? Es ist mit Abstand der größte See Berlins, der größte innerstädtische in Europa dazu. Am Nordostufer stehen Schilder: Wasserschutzgebiet. Hier befindet sich das zentrale Berliner Wasserwerk, welches die Stadt mit sauberen H2O versorgt. Dahinter schließt ein kilometerlanger Strand an, mit 200.000 Gästen jährlich. Für Leibesübungen bietet der See viel Platz, besonders für die nahgelegene Sportschule. Im Nordosten bringt der letzte Berufsfischer seine Ware an den Kunden aus Allerorts. Am Ostufer leben bedrohte Tierarten wie der Seeadler. Im Süden steht der Müggelturm einsam auf der höchsten Stadterhebung. Ein Blick von dort herab vergegenwärtigt den Wert der Gegend. Nicht ohne Grund zählt der Müggelsee zu den Fauna-Flora-Habitat-Gebieten nach EU-Richtlinie. Medizinprofessor Hans Behrbohm äußert sich bedenklich. Die Gegend um den Müggelsee ist das größte Kaltluftentstehungsgebiet der Stadt, quasi ein Ventilator der Metropole. Bei Ostwind wird die Luft in die Innenstadt gedrückt. Und gerade im Tafe-Off-Modus findet die größte und zugleich schädlichste Emission statt. Der dabei ausgestoßene Feinstaub ist besonders fein und verteilt sich leicht. Ohnehin werden die Flugzeuge über die Innenstadt fliegen. Behrbohm schüttelt den Kopf: „Die Inkohärenz der Umweltpolitik ist nicht zu übertreffen. Hier die Berliner Umweltzone, da die Route 25.“

Dazu kommt der Lärm. Die Wasserfläche verstärkt den Schalldruck, das führt zu Maximalpegeln von 100 dB. Der Lärmforscher Eberhard Greiser wertete in einer Studie Krankenversicherungsdaten von einer Million Betroffenen aus. Sein Ergebnis: Das Herz-Kreislauferkrankungsrisiko steigt signifikant mit der Lärmbelastung. Auch der deutsche Ärztetag fordert mehr Gesundheitsschutz. Die Politik schweigt.
Den Vorwurf der Kleingartenmentalität versteht Müller nicht: „Es gibt keinen Tellerrand bei dieser Problematik. Zudem haben wir uns längst mit anderen Initiativen zusammengeschlossen, es gibt ein Bündnis Berlin-Brandenburg und eine bundesweite Allianz für ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr.“ Auch andere Themen wie das Flughafenasyl werden behandelt.
Die Menschen fühlen sich betrogen. Für sie ist „Mitbestimmung“ nur noch eine hohle Phrase. Passend dazu stellt der Rechtswissenschaftler Detlef Czybulka fest, dass die Trennung des Flugroutenfestlegungsverfahrens von dem Planfeststellungsverfahren zu einer Rechtslücke führt. Denn bei der Festlegung der Flugrouten ist keine Bürgerbeteiligung vorgesehen.

Die Prognosen für den Luftverkehr sprechen gegen die These, dass es sich bei den Protesten der Flughafengegner um eine Eintagsfliege handelt. Um 5 % jährlich soll der Flugverkehr in der kommenden Dekade zunehmen. Dies birgt ein hohes Konfliktpotential.

In Friedrichshagen wird gerade das Protest-Weihnachtssingen für kommenden Montag vorbereitet. Am Rande gibt es Glühwein. Mit Posaunenchor und Instrumentalbegleitung wird das zweite Protestjahr ausgeleutet. Alles wird an diesem Tag ein wenig lauter und leiser zugleich. Der große Sturm steht erst bevor.

Text: Felix Klickermann

 

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(Wenn Wahlen etwas ändern würden, dann wären sie ...)