Le Monde diplomatique

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28.09.2011, 11:22 Uhr

Die Welt in einem Laib Brot

Ein Lehrstück über unser tägliches Grundnahrungsmittel

von Christian Parenti

Was kann uns ein einfaches Brot über die Welt mitteilen? Weit mehr, als wir uns vorstellen. Das hat einen schlichten Grund. Ein Brot lässt sich „lesen“ wie die Kernprobe einer Bohrsonde, die verschiedene Schichten unserer krisenverhärteten Weltwirtschaft abbildet. Anders formuliert: Am Brot lassen sich die wichtigsten Konfliktlinien der Weltpolitik aufzeigen, bis hin zu den Ursachen des „arabischen Frühlings“, der seine Fortsetzung in einem Sommer der sozialen Unruhen gefunden hat.

Beginnen wir mit den Fakten: Zwischen Juni 2010 und Juni 2011 hat sich der Weltmarktpreis für Getreide nahezu verdoppelt, was für viele Regionen unserer Erde eine Katastrophe ist. Im selben Zeitraum wurden mehrere Regierungen gestürzt, kam es in vielen Hauptstädten – von Bischkek bis Nairobi – zu gewaltsamen Protesten und in mehreren Ländern wie Libyen, Jemen, Syrien und Sudan zu neuen Bürgerkriegen. Neuerdings rebellieren sogar die Beduinenstämme auf der Sinai-Halbinsel gegen die ägyptische Interimsregierung und errichten Straßensperren, die sie mit bewaffneten Posten absichern.

Bei all diesen Konflikten hatten die ersten Proteste mehr oder weniger mit dem Preis des besagten Brotlaibs zu tun. Und auch wenn man bei diesen Unruhen nicht von Ressourcenkonflikten im wörtlichen Sinne sprechen kann, war ihr Auslöser doch die Brotfrage.

Brot gilt seit jeher als Grundstoff des Lebens. In weiten Teilen der Welt ist es das Grundnahrungsmittel schlechthin, denn nur der tägliche Laib Brot bewahrt Milliarden Menschen vor dem Verhungern. Bevor wir jedoch die weltpolitische Lage von einem Laib Brot ablesen können, gilt es die Frage zu beantworten: Was genau ist eigentlich in diesem Laib enthalten? Natürlich Wasser, Salz, Hefe, und vor allem Weizen. Daraus folgt, dass mit anziehenden Weltmarktpreisen für Weizen auch der Preis für einen Brotlaib steigt – und die Wahrscheinlichkeit von Protesten.

Wer allerdings meint, dass sich Brot nur aus diesen materiellen Bestandteilen zusammensetzt, hat von der modernen globalen Agrarwirtschaft nichts verstanden. Mit der Mechanisierung hat sich anstelle der Arbeit auf dem Feld die Fabrikarbeit durchgesetzt. Die Heerscharen von Bauern, die früher das Getreide von Hand aussäten und die Ernte einbrachten, sind längst durch Industriearbeiter ersetzt, die Traktoren und Erntemaschinen herstellen. Und ohne Substanzen wie Dieseltreibstoff, chemische Pflanzenschutzmittel und Stickstoffdünger, die allesamt aus Rohöl gewonnen werden, könnte man kein Getreide erzeugen, verarbeiten oder über alle Kontinente und Ozeane transportieren.

Mit Hightech über den Acker

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Brots ist der Faktor Arbeit, wenn auch nicht unbedingt in der Form, die man sich vorstellt. Seit die Mechanisierung die Landarbeiter verdrängt hat, kommt Arbeitskraft auf dem Kornfeld fast nur noch in Form von Technologie zum Einsatz. Heute kann ein einziger Arbeiter am Steuer eines riesigen, 300.000 Euro teuren Mähdrescher sitzen, der täglich 750 Liter Diesel verbraucht, durch GPS-Navigationssysteme gesteuert wird und der pro Stunde 8 Hektar aberntet. Das entspricht einer Tagesernte von bis zu 300 Tonnen.

Der nächste Faktor ist das Geld: Unseren Brotlaib würde es ohne Kapitaleinsatz nicht geben, denn der Produzent muss vorweg Saatgut, Dünger, Treibstoff, den Mähdrescher und alles weitere kaufen. Noch massiver dürfte der indirekte Einfluss sein, den das Geldkapital auf den Preis unseres Brotlaibs ausübt. Wenn im globalen Finanzsystem zu viel liquides Kapital in Umlauf ist, beginnen Spekulanten die Preise der verschiedensten Güter und Rohstoffe in die Höhe zu treiben, und das betrifft auch die genannten Bestandteile des Brots. Derartige Spekulationen lassen natürlich die Sprit- und Getreidepreise steigen.

Für weitere entscheidende Zutaten sorgt die Natur: Sonnenlicht, Sauerstoff, Wasser, nährstoffreicher Boden, alles zur rechten Zeit und in der richtigen Menge. Hinzu kommt noch ein – inzwischen unübersehbar gewordener und nicht ganz naturgegebener – Faktor: der Klimawandel. Er schlägt erst allmählich voll durch und wird sich als zunehmend destabilisierend erweisen, indem er die künftige Versorgung des Markts mit Brot dramatisch gefährdet.

Wenn das Zusammenspiel dieser Faktoren den Brotpreis in die Höhe schießen lässt, kommt die Politik ins Spiel. Wie etwa bei der Rebellion in Ägypten, dem zentralen Ereignis des „arabischen Frühlings“. Ägypten ist der größte Weizenimporteur der Welt, Algerien und Marokko liegen nur knapp dahinter. Es sei auch daran erinnert, dass der arabische Frühling in Tunesien begann, wo steigende Lebensmittelpreise, die hohe Arbeitslosigkeit und die wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen zu gewaltsamen Straßenunruhen führten, die den autokratischen Herrscher Zine Bin Ali aus dem Land fegten. Dessen letzte Handlung war das feierliche Versprechen, die Preise von Zucker, Milch und Brot zu senken. Aber das war „too little too late“.

Kurz darauf begannen die Proteste in Ägypten, und die algerische Regierung genehmigte zusätzliche Getreideimporte, um die wachsende Unruhe über die Nahrungsmittelpreise abzufangen. Der Brotverbrauch der Ägypter ging aufgrund des teurer gewordenen Weizens (in der zweiten Jahreshälfte 2010 um 70 Prozent) deutlich zurück. Die Ökonomen sprechen in einem solchen Fall von „price rationing“, einer „vom Preis erzwungenen Rationierung“. Der Trend setzte sich das ganze Frühjahr 2011 über fort. Im Juni 2011 lag der Einkaufspreis für Weizen 83 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Im selben Zeitraum war der Maispreis sogar um 93 Prozent gestiegen – Ägypten ist der viertgrößte Maisimporteur der Welt.(1)

Mit dem rapiden Anstieg der Weizen- und Maispreise war für die Armutsbevölkerung in Ägypten nicht nur ihr Lebensstandard, sondern ihr Leben überhaupt in Gefahr, weil die Preissteigerungen auch gewaltsame politische Auseinandersetzungen zur Folge hatten.

In Ägypten leben 20 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut, das heißt, sie haben weniger als den Gegenwert von einem US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Die Regierung muss 14,2 Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen) mit subventioniertem Brot versorgen. Im Lauf des Jahres 2010 stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel um mehr als 20 Prozent. Für die ägyptische Durchschnittsfamilie war das eine schwere Belastung, muss sie doch 40 Prozent ihres dürftigen Einkommens für die tägliche Ernährung ausgeben.

Vor diesem Hintergrund macht sich Weltbankpräsident Robert Zoellick große Sorgen, dass der nächste Schock die Welternährung in eine tiefe Krise stürzen wird. Dass eine solche Krise unmittelbar bevorsteht, hat eindeutig ökologische Ursachen. Die wichtigste ist der Klimawandel: Überall auf der Welt entstehen immer häufiger extreme Wetterlagen, die verheerende Folgen für die Landwirtschaft haben.

Sehen wir uns an, was das konkret für unser Brot bedeutet: Im Sommer 2010 kam es in Russland, einem der größten Weizenexporteure der Welt, zur schlimmsten Dürre seit hundert Jahren. Die extreme Wetterlage, auch Schwarzmeerdürre genannt, führte nicht nur zu verheerenden Waldbränden, sondern ließ auch das Ackerland austrocknen. Die Schäden für die Weizenernte waren so gravierend, dass die russische Führung – zur großen Freude westlicher Getreidespekulanten – ein einjähriges Exportverbot für Weizen verhängte. Die Folge war ein rasanter Preisanstieg.

Spekulation mit dem Klimawandel

Im selben Jahr kam es in Australien – ebenfalls ein wichtiger Weizenexporteur – zu furchtbaren Überschwemmungen. Im Mittleren Westen der USA und in Kanada beeinträchtigten schwere Regenfälle die Maisernte. Und die Jahrhundertflut in Pakistan, die ein Fünftel des Landes unter Wasser setzte, verschreckte die Märkte und ließ die Spekulanten frohlocken.

In ebendieser Situation schossen in Ägypten die Lebensmittelpreise erneut in die Höhe. Die anschließende Krise – ausgelöst unter anderem durch den teurer gewordenen Laib Brot – mündete in den Aufstand, der das Mubarak-Regime zu Fall brachte. Die Ereignisse in Tunesien und Ägypten strahlten auch auf das Nachbarland Libyen aus, wo der Ausbruch des Bürgerkriegs zur Intervention der Nato führte, was den fast vollständigen Ausfall der libyschen Ölproduktion von täglich 1,4 Millionen Barrel zur Folge hatte. Das ließ den Preis für Rohöl auf bis zu 125 Dollar pro Barrel ansteigen, was wiederum eine neue Spekulationswelle auf den Nahrungsmittelmärkten auslöste, die den Getreidepreis weiter in die Höhe trieb.

In den letzten Monaten hat sich die Lage kaum entspannt. Die Ernten in Kanada, den USA und Australien haben unter weiteren schweren Überschwemmungen gelitten. Auch in Nordeuropa hat die unerwartete Trockenheit im Frühjahr die Getreideproduktion beeinträchtigt. Die wachsende Nachfrage, höhere Energiepreise, zunehmende Wasserknappheit und vor allem die chaotischen Klimaveränderungen treiben das Welternährungssystem in die Krise, wenn nicht den Zusammenbruch.

Und das ist nur der Anfang, sagen die Experten. Sie gehen davon aus, dass der Brotpreis in den nächsten zwanzig Jahren um bis zu 90 Prozent steigt. Die absehbaren Folgen wären weitere Unruhen und Proteste, mehr Verzweiflung, verschärfte Wasserkonflikte, noch mehr Migration, Ausbrüche ethnisch und religiös motivierter Gewalt bis hin zu Bürgerkriegen, eine wachsende Bedrohung der Handelswege durch Räuberbanden und Piraten. Und womöglich auch – wie die Vergangenheit lehrt – zahllose neue Interventionen durch imperiale oder auch regionale Mächte.

Und wie reagieren wir auf die Krise, die sich da zusammenbraut? Gibt es eine breite internationale Initiative, um die Armen dieser Welt mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen, oder anders gesagt, um einen erschwinglichen Preis für unseren Laib Brot festzusetzen? Wir kennen die traurige Antwort.

Aber dafür werden andere aktiv: Großkonzerne wie Glencore (weltweit größter Rohstoffhändler mit Sitz in der Schweiz) und das von der Öffentlichkeit kaum beachtete Familienunternehmen Cargill (weltweit größter Händler mit Agrargütern mit Hauptsitz in Minneapolis, USA) sind eifrig dabei, ihre Herrschaft über den Weltgetreidemarkt abzusichern. Zugleich betreiben sie die vertikale Integration ihrer weltumspannenden Versorgungsketten in Form eines neuen Nahrungsmittelimperialismus, der darauf angelegt ist, das globale Elend zum eigenen Vorteil auszubeuten. Während im Mittleren Osten die Brotfrage zu einem Auslöser von Kriegen und Revolutionen wurde, konnte Glencore dank explodierender Getreidepreise Extraprofite machen. Kurzum: Je teurer ein Laib Brot wird, desto mehr Geld können Multis wie Glencore und Cargill scheffeln – eine grauenvolle Art der „Anpassung“ an die Klimakrise.

Fußnote:
(1) Zu den fünfzehn größten Maisimporteuren gehören auch Algerien, Syrien, Marokko und Saudi-Arabien.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke


Christian Parenti schreibt für "The Nation, "Fortune, die "New York Times und "Mother Jones. Vor Kurzem erschien: „Tropic of Chaos: Climate Change and the New Geography of Violence“ (Nation Books).
© Agence Globale, für die deutsche Übersetzung "Le Monde diplomatique, Berlin

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(Wie heißt das wendländische Dorf in dem ein Atom-Müll-Endlager errichtet werden soll?)