Mein Herz schlägt links

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Mein Herz schlägt links

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10.08.2012, 23:56 Uhr

"Menschenauslese"

von Julius Franzot (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors aus Mein Herz Schlaegt Links.de)

Mit diesem Titel möchte ich ganz bewusst provozieren, weil ich ein belastetes Wort benutze und freue mich auf eine rege Diskussion, die mir ggf. eigene Denkfehler klar macht.

Ich starte beim Darwinismus:

Abgesehen von der bewiesenen Richtigkeit dieser Theorie, wenn man sie lediglich im biologischen Sinne betrachtet, kann der Darwinismus auch dazu benutzt werden, um Kategorien von Menschen zu etablieren und gegen einander zu gewichten.

Die Begründung der Sozial- (oder Rassen-) Darwinisten liegt im Biologischen:

Es gibt Menschenkategorien, die sich genetisch auf einer höheren Stufe der Evolution befinden und solche, die noch auf einer niedrigeren Stufe verharren.

Ein eklatantes Beispiel für die Denkweise der Darwinisten ist Herr Sarrazin, der sich am Anfang mit einer Diskreditierung der Arbeitslosen, dann mit einer der Moslems (und der Juden, später geschwärzt) und letztendlich mit der von ganzen Volkswirtschaften (Euro-Diskussion) befasste.

Es handelt sich um nichts Neues:

Die ägyptischen Pharaonen hatten das Judenvolk diskriminiert und seine Angehörigen als Sklaven behandelt, Kaiser Nero (und andere) verfolgten die Christen, Nietzsche erfand den Übermenschen "jenseits von Gutem und Bösem", was die Nazis mit "andersrassigen" trieben, ist hinlänglich bekannt.

Alle Verhalten dieser Art haben einen gemeinsamen Nenner:

Die willkürliche Unterteilung von Menschen in bestimmten Kategorien, die "Menschenauslese", praktisch die Diskriminierung.

Dass die Konsequenzen dieses erstmal intellektuellen Vorgangs in ihrer Auswirkungen sehr unterschiedlich ausfielen, steht außer Frage.

Es wäre schlichtweg falsch, allen "Auslesenden" die Absicht zum Massenmord zu unterstellen.

Auch in der (nicht nur heutigen) Zivilgesellschaft sind solche Ansätze vorhanden, wobei ich nochmals unterstreiche, dass, eine Gruppe zu diskriminieren, heutzutage keinesfalls die Absicht in sich birgt, diese auch zu "eliminieren":

Es geht nur um den gedanklichen Vorgang.

Die Beispiele, die ich hier nennen möchte, sind:

Mobbing (Gemobbte werden als minderwertig betrachtet), der ganze Geschwafel um die "Leistungsträger und Leistungsverweigerer" (ist sinnlos, wenn man sich vor Augen führt, dass nur einem - fremdbestimmten - Personenkreis die Chance gegeben wird, zu zeigen, was und ob er "leisten" kann), der Rassismus in jeder Form (vom Ansatz her ist es, ich wiederhole, rein psychologisch, unwesentlich, ob ein Bewerber nicht eingestellt wird, weil er Mohammed heißt, oder ob man ernsthaft an die Verbrennung aller Moslems in einem gegebenem Land denkt, wobei Letzteres höchstwahrscheinlich im Reich der theoretischen Spekulation liegt)

In einer Gesellschaft der knappen Arbeitsplätze ist jedes Bewerbungsverfahren eine "Auslese", die leider unumgänglich ist, die aber manchmal aufgrund objektiver Kriterien (Ausbildung, berufliche Kenntnisse, Erfahrungen...) geschieht, und manchmal aufgrund sehr persönlicher Wertschätzung (Religionszugehörigkeit, Alter, Geschlecht, Äußeres, Sympathie, Vitamin B...).

Während nichts gegen eine "Auslese" nach fachlichen Kriterien  spricht, ist m.E. eine "Auslese" anhand der sogenannten "weichen Kriterien" sehr fragwürdig, weil sich diese im Bereich des Darwinismus bewegt.

Wenn ein Bewerber nicht die Merkmale der sozialen Kategorie besitzt, die entweder dem Arbeitgeber - subjektiv weil pauschal -  als besonders nützlich erscheint (z.B. Alter und Geschlecht), oder der Kategorie, der der "Ausleser" als seine eigene betrachtet (Umgangsformen, Religionszugehörigkeit, Abstammung...), dann wird er abgewiesen.

Der private Arbeitgeber ist nicht in der Lage, aus welchen Gründen auch immer abgewiesenen Bewerber eine Alternative aufzuzeigen, dies könnte aber der Staat tun, vorausgesetzt der Staat wäre über jeden Arbeits- und Ausbildungsplatz in seinem Hoheitsgebiet informiert und über die Strukturen verfügte, Eignungen und Anforderungen gegen einander abzuwiegen.

Soweit ist unser Staat (noch) nicht und ich sehe auch keine Ansätze, sich in dieser Richtung zu bewegen.

In der Wirtschaft der europäischen Länder ist heutzutage nicht denkbar, ohne eine Ausbildung einen Arbeitsplatz zu bekommen und sich ohne Arbeitsplatz selbst zu ernähren.

Dieser volkswirtschaftlichen Binsenweisheit entziehen sich die privaten firmen, u.a. weil sie nicht über die Mitteln verfügen, über die Grenzen des eigenen Betriebes hinaus zu wirken.

Ich meine, hier ist der Staat gefordert, sei es durch eine flächendeckende Vermittlung, sei  es durch die Gründung von Staatsbetrieben parallel zur privaten Wirtschaft.

Vom Moralischen her, ist eine Ausgrenzung von bestimmten Gruppen (oder auch Einzelpersonen) von der Arbeitswelt ein Akt der Willkür, im Ansatz die Bereitschaft, jemandem das Recht zum eigenständigen Leben zu entziehen.

Wenn wir uns, nachrangig, das uneigenständige Leben (Überleben mittels Transferzahlungen) anschauen, dann liegt bei gewissen Ungerechtigkeiten, z.B. bei den Hartz IV-Sanktionen und bei der Verweigerung einer Transferleistung an einen Erwerbslosen, der Verdacht vor, man würde - freilich unbewusst - mit den verfemten Kategorien von "lebenswertem" und "nicht-lebenswertem" Leben operieren.

Hier sollte m.E. eine intellektuelle Aufklärung ansetzen, um Auswüchse zu vermeiden, wie z.B. den zynischen Satz einer spanischen Ministerin zu der Lage der Arbeitslosen in ihrem Land: "Que se jodan!" (vulgär für "sollen sich zum Teufel scheren")

Bei aller Wichtigkeit, die unbestrittenen Verbrechen der Nazizeit nicht zu relativieren, bin ich der Meinung, dass man mentale Einstellungen, die auf eine Diskriminierung von Menschengruppen hinauslaufen, sehr wohl frühzeitig auf die extremen Konsequenzen einer solchen Diskriminierung stigmatisieren sollte.

Wenn Nazi-Aufmärsche zu recht als undemokratisch, gefährlich und unerwünscht gelten, warum soll es verpönt sein, auf andere, äußerlich gewaltfreie aber in ihrer Auswirkung gefahrenträchtige, Formen der Diskriminierung mit dem Hinweis auf jene unrühmliche Zeit hinzuweisen?

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1 Kommentar
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Seit: Mär. 2012
Beiträge: 48
Kommentar von spaulsen
11.08.2012, 11:43 Uhr

Ein guter Artikel gegen Ausgrenzung! Ich finde über das Thema sollten wir weiter diskutieren!

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(Welcher Tag kommt nach Samstag?)

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