Mein Herz schlägt links

Safe_image
22bfe90ac98d8e13286074c08520b92a

Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD "Mein Herz schlägt links" Charta mehr »
23.04.2012, 17:20 Uhr

Der schmale Grat der Meinungsfreiheit

Im Zeitalter der Mediengesellschaft muss man aufpassen, was man sagt, schreibt oder sich auch nur in den Mund legen lässt.

Als öffentliche Persönlichkeit hält man am besten den Mund und achtet auf die Karriere, als Privatperson auch.

Denn was in der DDR die Stasi-Spitzel oder so genannten IM´s der Staatssicherheit besorgten, besorgen heute die Medien.

Das Ergebnis all zu oft: Demontage der Person wegen falscher Meinung.

Grass beklagte jüngst die Gleichschaltung unserer Medien.

Seine persönliche Demontagedrohung hat er nach Veröffentlichung seines Israel-kritischen Gedichtes überlaut vernommen.

Die Stasi war da leiser und diskreter, wenn einer aus der Reihe tanzte.

Von der Stasi wurde man bedroht, aber nicht gleich vernichtet, wenn man sich kooperativ zeigte.

Bei den deutschen Leitmedien ist das anders.

Die Vernichtung folgt der „falschen Meinung" auf dem Fuß.

Was Grass passiert, kann auch Lieschen Müller passieren, wenn ihr Arbeitgeber „zufällig" mal auf ihrer Facebook-Seite landet.

Überhaupt, wer sich noch mal irgendwo bewerben muss, sollte im Internet lieber nichts über sich preisgeben.

Schon gar nicht die eigene und wahrscheinlich „falsche Meinung".

Bezüglich der Meinungsfreiheit werden wir in Kürze wieder auf dem Niveau der bürgerlichen Revolution von 1848 anlangen.

Charakterisiert durch ein Lied:

Die Gedanken sind frei!

Wer kann sie erraten?

Sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, mit Pulver und Blei.

Die Gedanken sind frei!

Gedankenfreiheit also und nicht Redefreiheit!

Gedankenfreiheit gab es auch im großen Umfang in der DDR.

Gedankenfreiheit und nicht Redefreiheit.

Jeder durfte seine Meinung haben, wenn er sie nur für sich behielt oder hinter vorgehaltener Hand flüsterte.

Heute, im Zeitalter der politischen Korrektheit, finden Demontagen wegen „geäußerter falscher Meinungen" statt.

Die Meinungsfreiheit wird nur noch dann toleriert, wenn man die „richtige Meinung" hat.

Ob man nun die FDP für FDPisser hält oder nicht, darf nicht mehr geäußert werden.

Andernfalls fliegt auch ein SPD-Mann aus dem Ministerium.

Köhler trat zurück, weil er die Existenz von Wirtschaftskriegen auch am Beispiel Afghanistans nicht verleugnete, sondern für eine Tatsache der Zeit hielt.

Er kam mit dem Rücktritt der unausweichlichen Demontage seiner Person zuvor.

Dabei handelt es sich ja nur um die öffentlichen Beispiele.

Die große Masse von Maulkörben wird in Unternehmen, Parteien und NGOs von den jeweiligen Vorgesetzten verteilt.

Eine ganze Generation von „Yes-Men" ist die Folge.

Genauso wie in der DDR.

Warum sind wir eigentlich so heruntergekommen, dass wir trotz demokratischer Tradition niemandem mehr erlauben, zu sagen, was er oder sie denkt?

Warum überwacht der Verfassungsschutz Bundestagsabgeordnete der „Linken", in der Hoffnung doch noch das eine oder andere Wörtchen zu finden, welches nicht verfassungskonform ist?

Ich vermute, der Grund liegt darin, dass wir eine zutiefst unsichere Gesellschaft geworden sind.

Man könnte auch sagen: Selbstunsicher.

Eigentlich wissen wir alle, was gespielt wird.

Wir leben in einem kapitalistischen System, in dem Menschen als Humankapital angesehen werden.

Wir handeln unsere Exportüberschüsse auf dem Rücken der Ärmsten dieses Erdballs aus und für unser Profite sterben in Bangaldesh, Westafrika, Kolumbien oder in China Menschen in Fabriken, auf Plantagen, auf toxischen Mülldeponien oder einfach auf der Straße, weil sie von ihrer jeweiligen Regierung zusammen geschossen werden.

Wir wissen, dass es um deutsche Profite, deutsche Waffen und deutsche Interessen geht.

Wir wissen, dass in Afghanistan auch ein Wirtschaftskrieg geführt wird.

Wir wissen, dass deutsche Soldaten fremdes Territorium in Somalia verletzten, um die Container-Flotten deutscher Reedereien zu schützen.

Wir wissen, dass wenn nicht unsere Soldaten, so doch zumindest unsere Waffen überall auf der Welt Krieg führen.

Wir leben in einem blutigen, gemeinen und ungerechten Kapitalismus.

Das wissen wir, wenn wir uns in unsere Mittelklassewagen setzen, nachdem wir sie mit Einkaufswägen voller Lebensmitteln gestopft haben, um am Wochenende unsere Grillpartys zu feiern.

Wir profitieren von dieser Schweinerei, den unsere Konzerne mit unserer Hilfe jeden Tag weltweit anrichten!

Was hat das mit Redefreiheit zu tun?

Das Problem ist das Bewusstsein.

Es wird immer schwieriger zu verdrängen, dass wir eigentlich die Bösen sind und nicht die Guten!

Wir ruinieren die Lebensgrundlagen anderer Menschen ökologisch, beuten andere Menschen ökonomisch aus, hindern sie an ihrer biologischen Existenzerhaltung und haben diese riesige Sauerei in einer Perfektion abstrahiert, dass wir sie nur noch in Zahlen wahrnehmen.

Der größte Teil der Menschheit lebt für 1 Dollar am Tag, arbeitet aber direkt oder indirekt für unseren Wohlstand.

Für die Öffentlichkeit und die Medien wird es immer schwieriger, den Menschen korrekte Informationen darüber zu bieten, wie es in der Welt aussieht und die Zusammenhänge konsequent zu verschweigen, um die medialen Konsumenten nicht zu vergraulen.

Das ist politische Korrektheit in Jahre 2012.

Unter solchen Umständen kann es keine Redefreiheit geben.

Jedes falsche Wort, besonders, wenn es von öffentlichen Personen getan wird, bringt uns entweder in die Sphäre einer ungewollten Identifikation mit unserer eigenen ausbeuterischen Existenz oder kränkt unser Bedürfnis zu den Guten zu gehören, oder führt zu einem Zynismus gegen unsere Opfer und kränkt uns auf diese Weise. Niemand kann in einer Atmosphäre mühsam aufrecht erhaltener Verdrängung noch ein „richtiges Wort" sagen.

Zwischen diesen riesigen Haufen Scheiße tanzen unsere Medien tagtäglich politisch korrekt hin und her und bemühen sich zusammen mit unserer Politik nicht in die selbige zu treten.

Ein äußerst schwieriger Eiertanz.

Es darf nicht gesagt werden, was ist. Deshalb ist schon der Tonfall und die Diktion einer ehrlichen Rede im Deutschland unserer Tage verpönt.

Konservative, Neoliberale, Grüne, Sozialisten und Globalisierungskritiker liefern sich dabei eine Schlacht, die an einen Grabenkrieg, vielleicht den ersten Weltkrieg, erinnert, in dem keine Partei mehr als ein paar Meter vorankommt, ohne erneut in die Schützengräben springen zu müssen.

Das absurde an diesem Theater ist, dass Neoliberale und Sozialisten, Grüne und Konservative, Globalisierungskritiker und der Pabst alle mit ihrer jeweiligen dunklen Seite an ihren Gegnern angebunden sind.

Auch Grüne fahren gerne schicke Autos und BMW hat es gern „ökologisch korrekt".

Konservative wollen eine reine Natur haben und keine größeren sozialen Gemeinheiten in ihrer Umgebung, während die Sozialisten auch gern mal ein bisschen Geld auf die hohe Kante schaffen.

Schließlich ist der Pabst ein Globalisierungskritiker und die Globalisierungskritiker holen sich bei ihren Aktionen auch gern die Unterstützung der katholischen Kirche, die immer noch etwas gegen Kondome in Afrika hat, auch wenn die HIV-Rate dort die höchste auf der ganzen Welt ist.

Ein Kind, das von einem Film über den Grabenkrieg im 1. Weltkrieg schockiert wäre, würde vermutlich ausrufen:

„Warum schießen die denn aufeinander? Die sehen doch alle gleich aus!"

So ähnlich könnte man auch den aktuellen Kriegszustand unserer Gesellschaft bezeichnen.

Grüne und Sozialdemokraten sind zugleich Konservative und Neoliberale, die das nicht zugeben dürfen.

Umgekehrt gilt das genauso, weshalb das Meinungsgeschehen sich in den engen Grenzen der gesellschaftlichen Mitte bewegen muss, weil beide Positionen unerträglich heuchlerisch werden, wenn sie sich in ihr Extrem bewegen.

Wir sitzen nämlich alle in dieser Kapitalismus-Kiste fest, die unseren Kindern einen schönen Schrotthaufen hinterlassen wird.

Man stelle sich vor, Trittin stellt sich vor seine Partei und erzählt, dass er Mercedes aus Leidenschaft fährt.

Er würde sofort abgewählt.

Merkel würde die Occupy-Wallstreet-Bewegung vielleicht mal gerne ins Kanzleramt einladen, was sie nicht machen kann, ohne ihre Position zu riskieren, obwohl sie sich 2008 furchtbar über die Erpressungsmacht der Banken aufgeregt hat.

Jeder bleibe in seinem Lager und nähre sich redlich.

Dabei geht ganz verloren, dass Merkel, die Deutsche Bank, Trittin und Mercedes äußerst eng zusammen hängen.

Ich meine das ganz a priori! Sarah Wagenknecht, eine schöne Kommunistin, hat einen Hang zum luxuriösen Leben.

Wenn sie sich aber hinstellt und erzählt, dass sie Kleider von Gucci liebt, wird sie als Sau durch das mediale Dorf getrieben.

Jedem anderen, der zugibt, dass wir alle die gleiche verbrecherische Existenz führen, würde es genauso gehen.

Also hat man lieber die „richtige Meinung" und verschweigt seine dunkle Seite.

Die dunkle Seite ist aber die andere Seite, durch die deutlich wird, dass wir alle gleich blöd sind.

Wenn dies zum Gemeingut würde, kämen wir tatsächlich auf die wesentlichen Dinge zu sprechen.

Die Wahrheit darüber, was wir mit unserem Wirtschaften anderen antun.

Eine bitterböse Sache.

Dann doch lieber gleichgeschaltete Meinungen konsumieren.

Die Sozialdemokraten und Grünen regen sich zurzeit mal wieder über die Meinungshegemonie der Neoliberalen und Konservativen in den Leitmedien auf.

Die political correctnes aber ist eine Erfindung von Ökologen und Sozialisten aus Californien, die dankbar in Europa aufgegriffen wurde, um den konservativen Meinungsblock unter Druck zu setzen.

Die gezielte Tabuisierung von Themen, Verhaltensweisen, Meinungen und Begriffen sind das Werk der so genannten linken Politik.

Als Raucher fühle ich mich daher in konservativen Kreisen wohler.

Unter linken Genossen sage ich lieber, dass ich mein Konto bei der apo-bank habe, das klingt politisch korrekter, als Deutsche Apotheker und Ärztebank.

Neuerdings betone ich aber, dass es sich um eine Genossenschaftsbank handelt.

Damit bekomme ich wieder ein paar Pluspunkte.

Ein blödes Spiel, um nicht auf das Wesentliche zu kommen.

Unterm Strich ist es so, dass die linke deutsche Öffentlichkeit für die meisten Maulkörbe und Einschränkungen der Redefreiheit verantwortlich ist.

Das Konzept der „politischen Korrektheit" der richtigen Meinung also, hat nicht nur gegen den konservativen Block, sondern auch ganz gut gegen die Meinungsfreiheit an sich funktioniert.

Gut nachvollziehbar, dass sich viele Konservative und Neoliberale angewidert von dieser linken Meinungsdiktatur abwenden.

Unter dem Druck der „öffentlichen Meinung" (made by Spiegel und Springer) ist außerdem aus den vorgenannten Gründen ein Meinungs-Mainstream entstanden, der schlimmer ist, als das aufgeblasene Geschwafel in der ehemaligen SED-Zeitung „Neues Deutschland" zu Zeiten der DDR.

Die deutschen Leitmedien jedenfalls walzen alles platt, was nicht systemkonform ist.

Authentische Stellungnahmen von den Rändern der Gesellschaft sind absolute Ausnahmen der Berichterstattung.

Man weiß schließlich, was gesagt werden darf und was nicht.

Es wird bestenfalls über die Meinungs-Außenseiter geredet, sie selbst lässt man aber nur selten zu Wort kommen.

Opfer dieser öffentlichen Verdrängungsgesellschaft ist die ungeschminkte Wahrheit.

Die ist nämlich grausam und gefährdet den sozialen Frieden.

Je schlimmer die realen Verhältnisse im Kapitalismus werden, desto mehr wird die Meinungsfreiheit auf diesen „demokratischen" Wegen eingeschränkt.

Es kann nämlich nicht sein, was nicht sein darf! Lassen wir uns also weiterhin den Mund verbieten!

Ich meine diejenigen von uns, die noch etwas zu verlieren haben.

Denn darum geht es ja, bei dieser ganzen Diktatur: Verlust-Aversion!

 

5 Kommentare
1
Img_0295_78x78c
Seit: Mär. 2012
Beiträge: 48
Kommentar von spaulsen
23.04.2012, 17:23 Uhr

Vielleicht ein umstrittener Artikel, den ich auch auf Mein-Herz-Schlaegt-Links zur Veröffentlichung eingereicht habe.

2
28eb677db86d0322483de247f36ce835
Kommentar von Günther Gruchala
24.04.2012, 06:16 Uhr

Hallo Sönke, der Artikel ist Klasse. Ich freue mich schon wenn er auf Mein Herz schlägt links veröffentlicht wird, denn das Echo wird groß sein
Freundschaft
Günther

3
16f49a27c6c44dbb30479d76810fa40b
Kommentar von vor weit sichtig
24.04.2012, 11:40 Uhr

Der Vergleich mit der DDR und der Stasi hinkt scheint mir da es sich bei dem Einen um eine staatlich gelenkte Unterdrückung handelt während wir bei den Medien von einer öffentlichen Diskriminierung sprechen.
Noch ist Bild und Co. zum Glück kein Staatsorgan !
Richtig ist das die de facto FSK der Medien speziell im Print-bereich als Kontrollfaktor bei ihrer zunehmenden öffentlichen Bedeutung unzureichend ist !

4
91b512963b0d701d0aa1c4e23471aab1
Kommentar von Jan Kroes
12.06.2013, 03:51 Uhr

Ich wohne in San Francisco, Kalifornien, und Redenfreiheit haben wir aboslut nicht. Wenn man nicht die Political Correct Staatsideologie zusteht, kann man sehr sehr sehr schnell die Arbeit verlieren. Eine Meinung ist nicht eine Meinung, eine Meinung ist eine Bedrohung gegen der Ideologie der Political Correctness.

5
Safe_image
Seit: Feb. 2012
Beiträge: 3
23.06.2013, 22:17 Uhr

Zu Jan Krös. PC in Amerika wäre wirklich ein lohnendes Thema für eine journalistische Aufarbeitung. Leider habe ich keine USA Erfahrung. Wollen Sie vielleicht? Oder jemand sonst, den Sie kennen?

Kommentar schreiben:
(Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bildung ...)

Blogarchiv...

Tags:
Ukraine Wahlkampf rheinischer Kapitalismus soziale Marktwirtschaft Mafiakapitalismus Wertekapitalismus John Paulsen Hedgefond Lehmanns bali Armut Wertewandel Konservative bedingungsloses Grundeinkommen Eurokrise IWF Schweiz Finanzkrise political correctnes moral Wulff Sarrazin SPD Manipulation Rechtsstaat EU Frühkapitalismus toxische Arbeitsplätze bangladesh Aldi Lidl Kik H&M Gysi Sozialdemokraten Krieg Reallohnverluste Profit soziale Ungleichheit Indien England Hierarchieabbau Basisdemokratie Heute Journal Amerika Politischer Prozess ackermann Polen Kraft Hannelore Steinbrück Steimeier Gabriel Nahles Wowereit Torture Propaganda Amnesty International Deutsche Bank Zivilgesellschaft Ausgrenzung NATO Inflation Euro-Dollar Katastrophen-Kapitalismus Wikileaks Westen Washington Europawahl Fortaleza Primat der Wirtschaft Wirtschaftsdiktatur brüssel Holmes Brevik Knox Kiew Geisel Georgien Soros Russland Ägypten Eric Schmidt Jered Cohen Assange Angela Merkel politik usa Schulslums Schulruinen Respekt für Kinder Peter Paul Rubens Schule Oppermann Steuersünder Finanzmarkt linke Meinungshegemonie sozialer Umbau Mein Herz schlägt links Medien Demokratieabbau Bundestag Parteien der Mitte Sanktionen Lafontaine Ossis Wessis schweden NGO Mainstream Focus Spiegel Zeit FAZ SS Spekulationen mit Lebensmitteln Staatsschuldenkrise Hollande französische Präsidentschaftswahlen Arabischer Frühling berlin WTO politische Korrektheit Intoleranz Plutokratie Merkels Argentinien Korruption Bildungsnotstand schleichende privatisierung des Schulssystems piraten Pakistan
Btn-rss