Mein Herz schlägt links

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Mein Herz schlägt links

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23.09.2012, 09:39 Uhr

Der Spiegel feiert sich selbst

Nicht der Zeitpunkt der Gründung des Nachrichtenmagazins, sondern der fünfzigste Jahrestag der Spiegel-Affäre, ist den Konzernlenkern an der Spitze des ersten deutschen Leitmediums ein Jubiläum wert.

Tatsächlich ist das stimmig, weil die Spiegel-Affäre eine Art „Comming Out“ für das Blatt darstellte.

Es war die Stunde Null der Erkenntnis: Ja, wir sind links!

Was ist davon heute übrig?

Der Spiegel ist heute ein Organ des Mainstreams, das mehr oder weniger unisono mit den anderen großen Blättern, wie Focus, Zeit und FAZ politische Korrektheit, in einer Gesellschaft, die sich gerade nicht selbst erfindet, exerziert.

Es lebt, wie auch die bundesdeutsche Gesellschaft, in einer Gemeinschaft der Spiegelneurone, die das amerikanische Gesellschaftsmodell kopieren.

Es gibt dabei keine wirklich eigenen Akzente mehr, man bleibt im allgemeinen „Dafürhalten“ verhaftet und achtet darauf die journalistische Meinung exakt in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren.

Das war zu Zeiten der Spiegel-Affäre tatsächlich anders.

Von da an, bis in die achtziger Jahre hinein, war der Spiegel wirklich ein rebellisches Medium.

Längst vorbei, möchte man meinen.

Egal, ob man den Spiegel als Medium der Stunde Null, als Begleiter der Kulturrevolution oder als überhebliches Mitglied einer politisch korrekten und saturierten „kritischen Öffentlichkeit“ in den letzten zwanzig Jahren ansieht.

Selbstkritisch war der Spiegel nie!

Georg Wolf, in den fünfziger Jahren stellvertretender Chefredakteur war nicht der einzige ehemalige SS-Mann, der Einfluss im Spiegel hatte.

Augstein schasste ihn, so dreht es der heutige Chefredakteur Mascolo, um sich in der Auseinandersetzung mit Franz Josef-Strauss besser positionieren zu können.

Wolf schied 1959 aus dem Spiegel aus. Überhaupt habe Augstein ehemalige SS-Leute auch deshalb in den Spiegel geholt, weil sie über hervorragende Verbindungen in die damalige Gesellschaft, z.B. zum MAD verfügten.

Ein „Geniestreich“ des Herausgebers, gewissermaßen.

So kann man auch mit seiner zwielichtigen Vergangenheit umgehen.

Meiner Meinung nach ist der Spiegel aus den Gründen seiner übermäßigen Hybris niemals zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit sich selbst gekommen.

Das mag an der Augstein-Dynastie gelegen haben und hat jetzt eher kapitalistische Gründe.

Der Spiegel ist schließlich ein Konzern.

In der Zeit der Fünfziger, als die Gesellschaft eher braun war und sich im „Landserton“ unterhielt, war auch der Spiegel recht bräunlich.

In den sechziger und siebziger Jahren war das Blatt „links“, in den Achtzigern „grün“ und wurde danach langsam zu der neoliberalen Mainstream-Postille, die sich selbst als staatstragend empfindet und sich ein oberflächlich aufgeschnürtes Korsett der politischen Korrektheit verpasst hat.

In all den Jahren hatte der Spiegel tatsächlich nur zum Zeitpunkt der Spiegel-Affäre und einige Jahre danach ein eigenes Rückgrad, eine echte demokratische Identität.

Dies gelang vor allem in der Abgrenzung zu Axel Springer, von der heute nichts mehr zu spüren ist.

Heute ist der Spiegel ein typischer medialer Mitläufer, ein Blatt ohne Identität, das keine eigenen Akzente setzen kann.

Der Spiegel eben!

Nomen est Omen.

4 Kommentare
1
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Seit: Mär. 2012
Beiträge: 48
Kommentar von spaulsen
23.09.2012, 09:43 Uhr

Der Spiegel, ein Blatt mit einer unseligen Hybris, hat mich selbst auf diesen Beitrag gebracht.

2
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Kommentar von Günther Gruchala
23.09.2012, 20:12 Uhr

Eine tolle Analyse Sönke.
Danke

3
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Kommentar von Alexander Tvar
17.10.2012, 20:02 Uhr

Toll, Sönke ! Analyse, Sönke, dieses mal eben aus dem hohlen linken Bauch hingekotzte Stück Selbsterfahrung ?

Der Spiegel hat sich tatsächlich seit Ende der achtziger, Mitte der neunziger Jahre auf einen flachen, affirmativen Schatten seines früheren Selbst reduziert. Nur genau dies - und die Gründe dafür bedürften nun wirklich sauberer und kundiger Analyse, die dann auch die politischen, wirtschaftlichen und personellen Rahmenbedingungen des "Hamburger Nachrichtenmagazins" mit in den Blick nehmen müsste.

Solange "Toll-Sönke" und seinesgleichen den Spiegel nur naiv mit ihrem tollen Links-Messgerät ("Wie links war/ist der
Spiegel ?") abtasten, wird keine Analyse gelingen. Der Spiegel war nie links, sondern sollte dies laut Augstein nur "im Zweifel" sein. Was dazu führte, dass die wenigen harten Zweifler Ende der sechziger Jahre von Bord gingen, dort aber eine sensibilisierte
Crew zurück ließen, die sich das Recht am Zweifeln nicht nehmen ließ und bis in die 90-er Jahre hinein einen kritischen und informativen Journalismus (s.o.) fertig brachte - das verdiente Analyse.

Und nicht ingroup-Schulterklopfen, was gute Berichterstattung im Spiegel leider ebenso marginalisiert hat wie wirklich linke Sozialdemokraten ....

Alexander Tvar

4
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Seit: Mär. 2012
Beiträge: 48
Kommentar von spaulsen
23.10.2012, 23:28 Uhr

Toll Alexander! Wann schreibst Du denn die Analyse? Wäre interessiert!

Kommentar schreiben:
(Wir nannten ihn Birne - eigentlich heißt er Helmut ...)

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