Mein Herz schlägt links

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Mein Herz schlägt links

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01.01.2013, 22:37 Uhr

Fair-Trade-Zertifikate für Textilien könnten auch indischen Arbeiterinnen helfen

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Die Demonstrationen und Straßenschlachten im Regierungsviertel von Neu Delhi gehen jetzt nach dem Tod der 23 jährigen Studenten, die das Opfer eine unglaublich brutalen Vergewaltigung wurde, allmählich in Trauer über.

Immer mehr Informationen sickern über die Situation indischer Frauen, gerade in den großen Industriezentren durch.

In Neu Delhi wird alle 19 Minuten eine Frau vergewaltigt.

Kaum eines dieser Verbrechen wird aufgeklärt, die meisten werden nicht angezeigt.

In dem Land mit den tolerantesten Religionen weltweit, die nicht selten weibliche Gottheiten verehren, wird die Gewalt gegen Frauen plötzlich zum Thema an dem sich schwerste Auseinandersetzungen auf den Straßen entzünden, in einem Land in dem sonst eher Kerzen angezündet werden.

Indien hat sein Gewaltproblem entdeckt und reagiert darauf mit ohnmächtiger Wut.

Ein Land mit einer aufstrebenden Mittelschicht, ein Schwellenland, in dem immer noch viele Kinder verhungern müssen.

Ein Land, das sich aus seiner Religiosität löst, aber nicht aus seinem Kastenwesen und zugleich ungern auf prestigeträchtige Traditionen verzichtet.

Die Braut-Ausstattung ist dabei ein Thema, dass einem Kriegsschauplatz ähnelt, wenn junge Ehefrauen ermordet und verbrannt werden, weil die versprochene Aussteuer der Brautfamilie ausbleibt.

Mit seinen wuchernden Städten verdrängt Indien seinen Dschungel und findet ihn daselbst in Mumbay und Neu Delhi wieder.

Die Rolle der Raubtiere wird dabei von den Menschen übernommen. 

Allenfalls an den Stadträndern töten Leoparden kleine Kinder und Babys, ganz überwiegend sind es die Familien der Ehemänner, die kleine Kinder ermorden, wenn sie Mädchen sind.

Die indische Kleinfamilie braucht Jungen als späteres Familienoberhaupt, sie braucht Männer, die in der Familie verbleiben und fremdes Vermögen mit der Braut anziehen.

So merkantil denkt man unter indischen Bettdecken.

Andererseits fanden 2012 auch heftige Demonstrationen gegen wirtschaftliche Deregulierungen statt, beispielsweise gegen die Öffnung des indischen Marktes für große Einzelhandelskonzerne wie Metro oder Wal-Mart.

Den Indern blüht das gleiche, was den Europäern vor 50 Jahren und den Amerikanern vor 80 Jahren geblüht hat.

Marktbereinigungen im Einzelhandel, die Millionen Familien des Mittelstandes erneut ins Elend stürzen können.  

Die Angst vor erneuter Verarmung ist ein mächtiger Faktor in einer Gesellschaft, die vor kurzem noch zur „Dritten Welt“ gehörte. 

Es ist auch diese Angst, welche die Menschen zu Unmenschen werden lässt.

Die Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau, die bald heiraten wollte und ihre Ermordung ist einerseits ein Symptom, aber viel mehr ein Symbol einer Gesellschaft, die Angst hat, die alle Hemmungen abwirft, wenn es um den Erhalt des kleinen Wohlstandes geht. 

Gewalt gegen Frauen, das ist das schlimmste, ist in Indien zu einer Art von Wirtschaftskriminalität geworden, die aus Familien Mini-Mafia-Klans macht.

Denn Frauen kriegen Kinder und Kinder kosten Geld.

Das Geld später wieder hereinzubekommen, funktioniert in der traditionellen indischen Vorstellung nur bei Jungen, nicht bei Mädchen.

Völlig absurd, dass die erfolgreiche Ärztin hier genau den gleichen Mechanismen unterliegt, obwohl sie doch verdient, wie die einfache Arbeiterin, die wenig zum Lebensunterhalt der Familie beitragen kann.

Das alles läuft gegen die Religionen und Glaubensrichtungen.

Wie auch in islamischen Gesellschaften zu beobachten, ist die Feindlichkeit gegen Frauen durch Traditionskonflikte und nicht durch die Religion selbst verursacht. 

Würden in Indien Frauen das gleiche verdienen wie Männer, würde das „indische Prinzip“, dass man auch in anderen Schwellenländern findet, schnell leer laufen.

An dieser Stelle kommen wir Europäer ins Spiel und profitieren von der Unterdrückung der Frauen und Kinder in Indien, Pakistan und Bangladesch.

Denn die billige Kleidung bei C&A, H&M, KIKA und den vielen Ein-Euromärkten wurde von unterbezahlten jungen Frauen genäht und gefärbt.

Kürzlich erst sind über Einhundert von ihnen in einer Kleiderfabrik in Bangladesch verbrannt.

Die Arbeitsbedingungen in Indien und Pakistan sind nicht wesentlich besser.

Diese massive Unterbewertung weiblicher Arbeitskraft ist es, die die Frauen zu Opfern macht.

Opfer des Kapitalismus zunächst und dann Opfer der eigenen Familie und schließlich „Freiwild“ in den Metropolen.

In Indien gibt es diverse Religionen, auch den Islam, der in Pakistan fast schon die Rolle einer staatstragenden Religion hat.

In vielen Ländern, in denen das soziale Gleichgewicht, die Gerechtigkeit und die Geschlechtergerechtigkeit massiv gestört wurde.

In denen Menschen Angst vor dem sozialen Elend hatten und haben, führt der Islam einen Siegeszug, der in eine religiöse Diktatur einmündet.

Ich mag mir dies bei künftig einer Milliarde Indern nicht vorstellen.

Dennoch bleibt die Feststellung, dass die Frau in ihrer Tradition als  Verantwortliche für die Familie das erste Opfer des Kapitalismus ist und Grausamkeit gegen Frauen das erste Zeichen einer schweren sozialen Krise.

Was in Indien passiert, kann Folgen haben.

Sich davon abzuwenden ist ein schwerer Fehler.

Der Kampf für indische Frauen und Mädchen fängt im Textildiscounter und in der billigen Boutique an, er geht aber über teure Designer-Mode, die ebenfalls in Asien produziert wird, bis hin zur Armutswirtschaft mit Billiglöhnen in Deutschland und Europa, die auch das Elend in solchen Schwellenländern, wie Indien und China aufrecht erhält.

Solange solche Produkte zu Billigpreisen bei uns abgesetzt werden können, werden sie dort auch zu Billigpreisen produziert.

Nur, wer Gucci kauft, kann nicht sicher sein, die Armutswirtschaft zu unterbrechen, denn selbst Designer-Mode macht nur die oberste Konzernschicht reich.

Die Produzenten bleiben im Elend.

Ein klarer Appel und eine Forderung also, die Armutswirtschaft im Textilbereich mit „Fair-Trade-Zertifikaten“ zu bekämpfen.

Eine klare Aufforderung an unsere Politik, die gesellschaftliche Umverteilung von unten nach oben zu beenden.

Indien geht uns ganz unmittelbar an.

Sönke Paulsen, Berlin

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1 Kommentar
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Kommentar von Günther Gruchala
09.01.2013, 17:24 Uhr

Hallo Sönke, kannst Du den Artikel auch bei mein Herz schlägt links bringen?
Ein gutes Neues Jahr
Günther

Kommentar schreiben:
(Kurt Tucholsky sagte: Soldaten sind ...)

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