Mein Herz schlägt links

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24.12.2012, 12:25 Uhr

Gaucks Weihnachtsansprache in tausend Worten

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„Deutschland hat die Krise bisher gut gemeistert. Verglichen mit anderen Europäern geht es den meisten von uns wirtschaftlich gut, ja sogar sehr gut. Zudem ist Deutschland politisch stabil; radikale Parteien haben nicht davon profitiert, dass ein Teil der Menschen verunsichert ist. Sie sind verunsichert angesichts eines Lebens, das schneller, unübersichtlicher, instabiler geworden ist. Die Schere zwischen arm und reich geht auseinander, der Klimawandel erfordert ebenso neue Antworten wie eine alternde Gesellschaft.“

Dieses Zitat stammt aus der Weihnachtsansprache unseres Bundespräsidenten.

Wie immer werden an Weihnachten die Harmonie und der Schulterschluss gesucht, Konflikte werden unter den Teppich gekehrt und brechen dann spätestens am 2. Weihnachtstag durch, was in so mancher Familie das Fest hat platzen lassen.

„Verglichen mit anderen Europäern geht es den meisten von uns wirtschaftlich gut, ja sogar sehr gut.“

Gauck setzt hier bewusst einen falschen Akzent.

Er kennt die Zahlen und weiß, dass es den meisten Menschen in Deutschland nicht gut geht.

Wir haben etwa 10 Millionen Arbeitnehmer am Existenzminimum und 3 Millionen Arbeitslose (fast ein Drittel aller Arbeitnehmer in Deutschland), daneben eine Mittelschicht, die erhebliche Reallohnverluste in den letzten zehn Jahren hatte.

Wir haben eine Situation in der sich 1% der Bevölkerung 50% des Vermögens teilen und 50% der Bevölkerung haben nur einen Bruchteil der Vermögen.

„…das ein Teil der Menschen verunsichert ist. Sie sind verunsichert angesichts eines Lebens, das schneller, unübersichtlicher, instabiler geworden ist.“

Was Gauck zu erwähnen vergisst, ist die Tatsache, dass die verunsicherten diese 50% sind, die nichts mehr zuzusetzen haben und bei einer Inflation, die in Folge der europäischen Staats-und Finanzkrise auf uns zukommt, keine Reserven haben, die sie einsetzen können.

Schon die teurer werdenden Lebensmittel können viele überfordern, die Energiekosten und die gestiegenen Preise für Wohnen und Mobilität reißen tiefe Löcher in die Budgets vieler Familien.

Die Deutschen habe sich in den letzten fünf Jahren daran gewöhnt, dass sie viel mehr arbeiten müssen, für viel weniger Geld, das dann en Gros einer dünnen Gewinnerschicht in unserer Gesellschaft zu Gute kommt.

Letztere wird dann auch noch mit Steuergeldern schadlos gehalten, während erstere mit heftigen sozialen Einschnitten und nicht wenige mit „Zwangsarbeit“ für 2-3 Euro die Stunde leben müssen, weil ihnen sonst das Existenzminimum vom „Amt“ gestrichen wird.

Wir haben einen Staat, der Menschen presst, zu schlechtesten Bedingungen bei Billigunternehmern oder als dritte Klasse in den großen Konzernen zu arbeiten.

Selbstverständlich führt das zur Verunsicherung.

„Radikale Parteien haben nicht davon profitiert, dass ein Teil der Menschen verunsichert ist.“

Hübsche Aussage, die nicht zu halten ist.

In einem Jahr 2012, in dem offenkundig wird, dass der Verfassungsschutz in vielen Bundesländern, bei dem Versuch die Neonazi-Szene zu unterwandern, selbst von der Neonazi-Szene unterwandert und tief braun eingefärbt wurde.

In einem Jahr, in dem langsam dämmert, dass ganze Städte, Kreise und Regionen nicht nur im Osten eine faktische und kommunalpolitische Dominanz von Neonazis zulassen.

In einem Jahr, wo der Innenministerkonferenz nichts anderes einfällt, als sich ihre braunen Flecke durch ein intendiertes NPD-Verbot abwaschen zu wollen.

In einem Jahr in dem Neonazis in Landesparlamenten sitzen, müsste Gauck ein solcher Satz im Halse stecken bleiben.

Gauck spricht aber ungestört von seinen eigenen Wahrheitsverdrehungen weiter.

Dazu sind eigentlich nur Psychopathen und Politiker in der Lage.

„Wir sehnen uns nach Frieden, auch und gerade, weil in der Realität so viel Unfriede, so viel Krieg herrscht. Vor wenigen Tagen bin ich aus Afghanistan zurückgekehrt. Es hat mich beeindruckt, wie deutsche Soldatinnen und Soldaten unter Einsatz ihres Lebens Terror verhindern.“

Die Frage, wie Gauck beim Thema „Sehnsucht nach Frieden“ ausgerechnet auf Afghanistan kommt, muss unbeantwortet bleiben.

Man versteht gar nicht, warum ausgerechnet Afghanistan, ein besetztes Land nach einem Angriffskrieg, an dem auch deutsche Soldaten beteiligt waren, das Thema „Sehnsucht nach Frieden“ repräsentieren soll?

Es ist doch unsere Verantwortung gewesen, zusammen mit den Amerikanern in diesen verleugneten Krieg gegen den Terror zu ziehen.

Dabei hat es etwas 8 Jahre gedauert, bis in der politischen Kaste Deutschlands und der so genannten kritischen Öffentlichkeit das Wort Krieg überhaupt gesagt werden durfte.

Natürlich ist Gauck auch der Bundespräsident der deutschen Bundeswehrangehörigen, die derzeit in Afghanistan im Einsatz sind.

Natürlich will und muss er ihnen seine Solidarität versichern.

Aber muss er deshalb lügen?

„Es hat mich beeindruckt, wie deutsche Soldatinnen und Soldaten unter Einsatz ihres Lebens Terror verhindern.“

Verehrter Herr Gauck, ich schlage folgende Satzänderung vor:

„Es hat mich beeindruckt, wie deutsche Soldatinnen und Soldaten ihr Leben einsetzen, obwohl sie Terror damit nicht verhindern können.“

Eine etwas ehrlichere Darstellung des Einsatzes tut der Solidarität keinen Abbruch.

Auch die deutschen Soldaten in Afghanistan wissen, dass Al Quaida längst von anderen Stützpunkten aus agiert.

Afghanistan, das war vor 10 Jahren.

Was Afghanistan vor allem gezeigt hat ist, dass die amerikanische Doktrin des „Weltkrieges gegen den Terror“, der wir teilweise gefolgt sind und noch folgen, in letzter Konsequenz zu einem Kriegszustand mit 80 Ländern in der Welt führen muss, denn so viele befinden sich auf der schwarzen Liste der Amerikaner.

Oder wir lernen aus Afghanistan und kehren zurück zur Diplomatie, aber bitte ohne Waffenlieferungen an Diktaturen.

Deutschland ist nämlich in seiner „Sehnsucht nach Frieden“ der Welt drittgrößter Waffenexporteur.

Auch das vergaß Gauck zu erwähnen.

„Wer keine Zuwendung erfährt und keine schenkt, kann nicht wachsen, nicht blühen. In der Sprache der Politik heißt das: Solidarität; in der Sprache des Glaubens: Nächstenliebe; in den Gefühlen der Menschen: Liebe. Ja - wir wollen ein solidarisches Land.“

Zu diesem Satz des Bundespräsidenten fällt auch dem Naivsten in Deutschland nur eines ein:

Wenn wir darauf warten wollen, dass nach über zweitausend Jahren Christentum nun doch alle Menschen in Deutschland ihre Nächstenliebe entdecken und aus diesem Grund Solidarität üben, dann warten wir auf Godot!

„Kürzlich hat mir eine afrikanische Mutter in einem Flüchtlingswohnheim ihr Baby in den Arm gelegt. Zwar werden wir nie alle aufnehmen können, die kommen. Aber Verfolgten wollen wir mit offenem Herzen Asyl gewähren und wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht.“

Sehr geehrter Herr Bundespräsident.

Täglich kommen zu mir Asylbewerber aus den „Zentralen Aufnahmestellen für Asylbewerber“ so nennen sich die Flüchtlingswohnheime in Deutschland, in meine psychiatrische Sprechstunde.

Einige von den Frauen sind schwanger und leiden an Depression.

In ihrem Ersteinreiseland, wie z.B. Polen, erwartet sie nicht selten ein Gefängnisaufenthalt wegen illegaler Einreise.

Eine verzweifelte und schwangere Frau in ein osteuropäisches Gefängnis abzuschieben ist unmenschlich.

Die Bedingungen dort sind hart, die medizinische Versorgung grenzwertig.

Trotzdem geschieht dies ständig.

Soweit zu ihrer rührseligen Geschichte der afrikanischen Mutter, die ihr Baby in die Arme des Bundespräsidenten legt.

Sie vergaßen auch zu erwähnen, dass Flüchtlinge, die einen Asylantrag stellen wollen, nur illegal in die Länder der europäischen Union einreisen können.

Ich kenne keine deutsche Botschaft, die für solche Menschen Asyl gewährt, ja sie überhaupt auf ihr Gelände lässt.

Es gibt faktisch keine andere Möglichkeit, was auch dem maßgeblichen Einfluss der deutschen Regierung auf die anderen Schengen-Staaten zu verdanken ist.

Wir kriminalisieren Flüchtlinge, die sich verfolgt wähnen und bei uns Schutz suchen, zunächst einmal, was nicht selten für diese Menschen zu einem Empfang in einem europäischen Gefängnis führt.

Herr Bundespräsident, meinen Sie das mit „wohlwollend begegnen“?

Oder was meinen Sie?

Mir wird ganz schlecht, wenn ich eine derartige Weihnachtsansprache von unserem Staatsoberhaupt anhöre, in welcher die Realitäten in unserem Land so konsequent verlogen werden.

Herr Gauck will anscheinend lieber der Wahlkampfpräsident der Bundesregierung sein, als ein ehrlicher Bundespräsident aller Deutschen, der die Realität aller Menschen, die in Deutschland leben und der Deutschen im Kriegseinsatz in Afghanistan ehrlich beschreibt und bekennt: Mit offenen Augen, Selbstkritik und Solidarität!

Vielleicht ist Gauck aber auch nur ein weiteres Opfer der politischen Korrektheit, denn eine ehrliche Ansprache würde in unseren Zeiten des bürgerlichen Meinungsdiktats umgehend bestraft.

S.Paulsen, Berlin

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1 Kommentar
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Kommentar von Ma
30.12.2012, 16:54 Uhr

...uns geht es gut, sogar sehr gut.......wen hat der gemeint? Politiker siehe Diaetenerhoehung! Seine Gehaltserhoehung von monat. 210€ auf 17.685€? Währen der Normalbuerger, Rentner,HARTZer ein paar € mehr hat, die durch erhöhte Stromkosten weg sind!
Was ist mit den vielen Menschen, die im Müll nach Pfandflaschen suchen - auf Suche nach Essen sind (Tafel) - keine Medikamente bekommen (Zuzahlung 5€ pro Medikament) - halbblind und ohne Zaehne in dieser reichen BRD dahinvegitieren?
Hauptsache er hat seinen Braten in der Roehre und das Glas Wein in der Hand, ich schaeme mich für den Bundespraesidenten. Erst soll für alle Bürger da sein und dann so eine Rede!!!!!!

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