Mein Herz schlägt links

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Mein Herz schlägt links

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11.12.2012, 00:35 Uhr

Unterwegs auf Merkels zielloser Regierungsstrecke

„Wer Fahrrad fährt, nur um das Gleichgewicht zu halten, muss auf die Nase fallen“

 „Merkel ist eine Meisterin der Macht. Aber sie ist eine Frau ohne Überzeugung. Merkel blickt mit kaltem Blick auf die Welt. Die europäische Einigung ist für sie nicht mehr als eine komplizierte Gleichung aus dem Reich der politischen Thermodynamik. Und gesellschaftliche Gerechtigkeit ist ihr kein Maßstab politischen Handelns, sondern eine disponible Variable in einem System voller Abhängigkeiten. Die Abwesenheit jeder Überzeugung ist Merkels größte Schwäche. Denn Politik ohne Überzeugung ist Verwaltung. Aber Verwaltung bedeutet keineswegs den Sieg der Vernunft, sondern den Sieg der stärksten Interessen. Das aber sind die Interessen des Kapitals“  (Jakob Augstein in Spiegel Online vom 10.12.2012)

Dieser Auszug aus einem Artikel von Jakob Augstein im Spiegel ist eigentlich mit einer Überschrift versehen, die wie folgt lautet:

„Merkels Schwäche ist Steinbrücks Stärke“

Das ist natürlich nicht wahr, aber lassen wir es mal dabei und wenden uns Merkels Schwäche zu.

Gesellschaftliche Gerechtigkeit lediglich als disponible Variable in einem System voller Abhängigkeiten zu betrachten, bringt uns Angela Merkels Denkweise tatsächlich ziemlich nahe.

Die Bundeskanzlerin hat von ihren Beratern, die aus der Wirtschaft stammen, tatsächlich einiges gelernt.

Systemisches Denken aus wirtschaftlicher Sicht hat schon die Regierung Schröder zu dem gemacht, was sie dann am Ende war.

Die kalte Vollstreckerin von so genannten Marktregeln.

Das Problem ist dabei nicht, dass es Angebot und Nachfrage, Konkurrenz und Preisdruck gibt.

Das Problem ist, dass über die Arbeitsmarktreform vergessen wurde, dass es im Kapitalismus ein immanentes Machtgefälle zwischen Kapital und Arbeit gibt.

Preisdruck und Konkurrenz wirken sich zu allererst auf die Arbeit aus und erst dann sehr viel später auf das Kapital.

Unternehmer reichen den Preisdruck immer zuerst an die Arbeit durch, die dann ungeschützt so billig werden kann, wie in China oder Indien.

Weder die Regierung Schröder noch die Regierung Merkel haben hier einen Boden eingezogen, weshalb sie miteinander um den ersten Platz als asozialste Regierung in der bundesdeutschen Geschichte konkurrieren dürfen.

Denn in der Folge der Agenda 2010 und ihrer Fortführung durch die jetzige Regierung  sind die Profite der Unternehmen explodiert und die Arbeitnehmer hatten schwere Reallohnverluste zu verzeichnen.

Der Wahlspruch, Sozial ist, was Arbeit schafft, ist dabei an Asozialität kaum zu überbieten, wenn man bedenkt, welche Arbeit, mit welcher Bezahlung unter welchen ausgeübten Zwangsmaßnahmen für die Arbeitnehmer der Republik geschaffen wurde.

Zurück bei Augsteins richtiger Analyse stellen wir fest, dass Merkel in der Tradition von Schröder tatsächlich systemisch gedacht und gehandelt hat, indem sie das kapitalistische System nach seinen eigenen Regeln proaktiv vorauseilend bedient und damit getriggert oder gefördert hat.

Das immanente Machtgefälle zwischen dem Kapital und der im Kapitalismus unterlegenen Arbeit wurde dabei  konsequent nicht korrigiert.

Jetzt könnte man das systemische Denken der Berater von Schröder und Merkel dafür verhaften und an den Pranger stellen.

Tu ich aber nicht, sondern lasse es sogar gelten, weil der Kapitalismus so funktioniert, wie er funktioniert. 

Stattdessen ziehe ich eine weitere Ebene ein, die ich als systemische Führungsebene bezeichne.

Beide, Merkel und Schröder, sind keine sonderlich starken Denker, wenn es darum geht, über das bestehende  System hinauszudenken.

Sie waren und sind Pragmatiker der Macht. Sie haben auch beide wohl nicht die Berater dafür gehabt.

Systeme brauchen nämlich eine Führungsebene, weil sie der Steuerung bedürfen.

Ungesteuerte Systeme kippen früher oder später um, weil die Shaping actors, die dominanten Systemtreiber irgendwann ein Ungleichgewicht erzeugen, welches das System zu Fall bringt.

Da muss man gar nicht auf Marx rekurrieren, es reicht der Gartenteich um die Ecke. 

So ausgeklügelt man die Fische dort auch zusammensetzen mag.

Irgendwann wird eine Spezies die anderen verdrängen, um dann selbst zu Grunde zu gehen.

Systeme sind nämlich per se nicht stabil, weil sie dynamisch sind und benötigen ständige korrigierende Eingriffe: Die Aufgabe der Führungsebene also.

Wenn aber die Eingriffe der Führungsebene nur darauf gerichtet sind, das System zu stabilisieren, scheitert sie unweigerlich.

Systeme müssen dynamisch begleitet und gesteuert werden, weil sie ihre Balance aus ihrer Vorwärtsbewegung, oder auch Richtungsbezogenheit beziehen.

Ohne Ziel kann also nicht mal der Fischbestand im Gartenteich um die Ecke längere Zeit überleben.

Wer also gerne Koi-Karpfen züchtet, mag dies tun und wird wohl erfolgreich sein, weil er ein Ziel verfolgt.

Wer nur ein Gleichgewicht im Gartenteich haben will, sollte ihn ganz in Ruhe lassen und auf höher organisierte Lebewesen am besten ganz verzichten.

Wenn er im Sommer stinkt und ganz umkippt, sollte man großzügig darüber hinwegsehen, weil er sich irgendwann auf niedrigerem Niveau selbst wieder reorganisiert.

Gesellschaftlich gesehen funktioniert der Katastrophen-Kapitalismus so oder auch die global verbreitete Armutswirtschaft, die in Teilen Afrikas und Asiens, aber auch in der Ukraine und im Kaukasus ganze Gesellschaften im Elend hält.

In einem solchen stinkenden Gartenteich, der gerade umkippt, sitzt auch Angela Merkel, die ihre Regierung für die erfolgreichste nach der Wiedervereinigung hält.

Sie behauptet, eine soziale Marktwirtschaft zu fördern, fördert aber nur die Marktwirtschaft und nicht das Soziale.

Sie tut es, weil ihr Ziel der Systemerhalt ist und sie nicht sehen kann und will, dass dieses System eine Aufgabe braucht.

Die Aufgabe ist, den Zusammenhalt der Gesellschaft, den Wohlstand aller und die Entwicklung der Demokratie zu fördern.

Die Aufgabe ist nicht Profite für das Kapital zu ermöglichen, dieses ist nur ein Mittel zur Aufgabenerfüllung.

Merkels Job wäre es also, die Shaping Actors oder Systemtreiber auf ein Ziel einzuschwören, dass außerhalb ihrer selbst liegt, weil sonst keine Richtung und keine Dynamik entstehen kann.

Ein wildes Fressen der kapitalistischen Systemtreiber ist jedenfalls keine Richtung sondern eine Entgleisung die zum Systemzusammenbruch führen würde. Genau das soll ja verhindert werden.

Exakt an diesem Punkt liegt der Haken, der Merkel´schen Systemdenkerei.

Sie ist nicht in der Lage, dem System ein geeignetes Ziel zu geben, weder auf nationaler, noch auf europäischer Ebene.

Inhaltlich laufen daher das System, der europäische Zusammenhang und die Bundesregierung leer.

Die Sparpolitik der Bundesregierung, die sie ganz Europa verordnet hat, ist dabei der klassische Versuch, das System zu stabilisieren, ohne ihm eine Richtung zu geben.

Absurderweise zieht sie damit ungewollt die Dynamik sowohl aus der Idee eines gemeinsamen europäischen Sozialstaates, als auch aus der neoliberalen Idee einer deregulierten Wachstumsdynamik der Wirtschaft. Beides wird durch die Sparpolitik gleichermaßen abgewürgt.

Der erwähnte Gartenteich fängt schon ganz kräftig an zu stinken.

Die Führungsebene, die auf ein System einwirken will, muss dem System deutlich machen, wozu es dient.

Wenn Merkel keine Visionen hat, dann mag sie Schmidt-gefällig sein, in der Bewältigung der europäischen Krise ist sie allerdings wirkungslos bis destruktiv.

In ihrem eigenen Land perpetuiert sie durch ihre Visionslosigkeit das große und ziellose Fressen

der kapitalistischen Systemtreiber und überführt früher oder später auch Deutschland in einen stinkenden Gartenteich.

Besser ist dann tatsächlich Steinbrück, der wenigstens mal eine Vision von sozialer Gerechtigkeit und einem regulierten Finanzkapitalismus vorträgt.

Wenn er an diese auch nicht glaubt, so behauptet er zumindest nicht, wie Merkel, das dieses System an sich gut sei und alles in der Butter der sozialen Marktwirtschaft schwimme.

Ein Fortschritt, wenn auch kein visionärer.

Das Experiment, Steinbrück zum Kanzler zu machen, könnte allerdings einen großen Vorteil haben:

Wenn dieser tatsächlich anfängt, den Finanzmärkten die Richtung vorzugeben, könnte man sehr schön beobachten, wie ausgezeichnet diese Institutionen, vom Privatbankensektor bis zur EZB, überleben können, wenn sie auch auf nicht-kapitalistische und soziale Aufgaben getrimmt werden.

Systeme sind nämlich flexibel und brauchen solche gegenläufigen und widersprüchlichen Aufgaben, um dynamisch zu wachsen.  

Beispielhaft dafür könnte auch die Energiewende werden, wenn die Kanzlerin diese mal anpacken würde, was aber ihrem systemerhaltenden Denken, welches in Wirklichkeit systemzerstörend ist, heftig widerspricht.

Nicht anders ist es übrigens bei den Impulsen, die für Südeuropa gesetzt werden müssen.

Wenn man einer Familie sagt, dass sie nur überleben muss, sich dabei aber nicht mehr maximal um das Fortkommen ihrer Kinder zu kümmern hat, degeneriert sie und zerfällt schließlich.

Das System läuft inhaltlich leer. Man sollte also den Südeuropäern die Aufgabe geben, mit oberster Priorität gegen die eklatante Arbeitslosigkeit ihrer Jugend vorzugehen.

Die gesamte Politik und die Wirtschaftspolitik sollten sich auf dieses Ziel richten und nicht locker lassen, bis es erreicht ist.

Die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und nicht die Bekämpfung der Schuldenkrise erzeugt Dynamik in den Systemen.

Sie ist die einzige wirkliche gesamteuropäische Herausforderung, die angenommen werden muss.

Junge Leute in Arbeit zu bringen und nicht Gläubiger schadlos zu halten.

Der Versuch, Schadlosigkeit herzustellen, führt zum Systemkollaps.

Die Systeme müssen also auch in Südeuropa mit Hilfe der anderen europäischen Länder ausgerichtet werden.

Merkel ist nicht in der Lage, eine solche Richtung vorzugeben.

Haushaltskonsolidierung ist ein Mittel und kein Ziel.

Genau wie Profite von mir zuvor als Mittel und nicht als Ziel bezeichnet wurden.

Ziele sind durch das Fortkommen und die Entwicklung von Menschen und Gesellschaften im sozialen Rahmen zu definieren.

Konkurrenzfähigkeit auf den globalen Märkten ist somit ebenfalls das Mittel, ein soziales Europa zu konstituieren. Merkel versteht vor all dem nichts, weil sie aus der Rolle einer Systemerhalterin nicht herauskommt.

In der Managerwelt wäre sie eine guter CEO für das operative Geschäft und eine äußerst fatale Figur, wenn es um die langfristige strategische Ausrichtung des Unternehmens geht

Steinbrück muss erst noch beweisen, dass er besser ist, als Merkel.

Er könnte damit direkt anfangen, indem er lernt, über sich hinaus zu wachsen.

Schließlich will er Kanzler werden und nicht Vortragsredner im Bankgewerbe.

Dafür muss er allerdings zum Enfant Terrible unseres Altkanzlers, Helmut Schmidt werden:

Er muss Visionen entwickeln und formulieren!

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3 Kommentare
1
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Seit: Mär. 2012
Beiträge: 48
Kommentar von spaulsen
11.12.2012, 00:39 Uhr

Dieser Beitrag gegen ein falsch verstandenes Systemdenken wird auch auf Mein-Herz-Schlägt-Links erscheinen.

2
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11.12.2012, 07:58 Uhr

Die angebliche Beliebtheit von Angela Merkel, Rede vom 12.10.12 Wahlkampf Stuttgart

http://www.youtube.com/watch?v=-Tp-AspPvmg

3
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Kommentar von Günther Gruchala
11.12.2012, 10:35 Uhr

Der klasse Artikel erscheint am 12. Dezember bei
http://www.mein-herz-schlaegt-links.de

Kommentar schreiben:
(Die Abkürzung für Demonstration lautet ...)

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