zeo2 - das Umweltmagazin

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zeo2 - das Umweltmagazin

ZEO2 ist ein politisches Umweltmagazin. Mit fundiertem Journalismus klären wir auf und befeuern die Debatte durch eine klare Haltung. Im Mittelpunkt stehen die Klima-, Energie- und Verkehrspolitik, die Endlichkeit von Ressourcen und Biosphäre, das Jahrhundert-Thema Nachhaltigkeit, aber auch die individuellen Lebensstile der Menschen. D... mehr »

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Berlin
03.07.2012, 11:17 Uhr

Die Mine im Mülleimer - im Kampf um die Rohstoffe gehen die Akteure in Stellung

Die deutsche Industrie, EU und Geheimdienste erkunden nervös die Versorgungslage.
Und genau wie die Verbraucher vergessen sie dabei die wichtigste Rohstoffquelle: die oft unbewusste Verschwendung

von Armin Reller

 


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Die deutsche Industrie gründet eine Rohstoff-Allianz und kündigt an, künftig durch geschickte strategische Beteiligungen bei Minenprojekten quasi selbst nach Rohstoffen zu schürfen. Auch die EU verabschiedet ihre europaweite Rohstoffstrategie. Und die politischen Parteien laden zum Rohstoff-Gipfel. Selbst die Geheimdienste erkunden die Versorgungslage. Immer öfter ist von drohenden Engpässen bei Seltenen Erdmetallen die Rede, die zum schillernden Code einer neuen öffentlichen Debatte geworden sind. Inzwischen ist der "Kampf" um die Rohstoffe in aller Munde. Als Reaktion darauf wird weltweit mit wachsender Nervosität sehr viel Geld und Energie in eine neue Rohstoffpolitik investiert. Eigentlich fast schon eine Überreaktion. Gleichzeitig wird dabei sichtbar, wie einseitig diese Rohstoffpolitik ausgerichtet ist. Während fast alle Aktivitäten auf die Sicherung des zunehmend knapperen Rohstoff-Nachschubs fokussiert sind, fehlt die Sensibilität für den schonenden, effizienten und nachhaltigen Umgang mit diesen Stoffen. Wenn schon die Beschaffung immer schwieriger, teurer, aufwendig wird, warum sind wir dann auf der Verbraucherseite so ignorant?

Im Mittelpunkt stehen die »Gewürzmetalle«. Sie werden, ähnlich wie Gewürze beim Kochen, nur in mikroskopisch kleiner Dosis eingesetzt. Aber ohne sie funktionieren Flachbildschirm, Pad und
Handy nun mal nicht. Paradebeispiel dafür ist das Indium, von dem weltweit um die 600 Tonnen im Jahr produziert werden. Die Platinproduktion liegt sogar bei nur 170 Tonnen in ganzen fünf Minen weltweit. Während bei den klassischen Metallen von Eisen bis Kupfer das Recycling - in Prozenten bemessen - relativ gut funktioniert, liegt die Recyclingquote bei den Gewürzmetallen unter einem Prozent. Wichtigste Ursache: die winzigen Mengen.

»Bei den Gewürzmetallen liegt die Recyclingquote
unter einem Prozent.«

Prof. Armin Reller ist Inhaber des Lehrstuhls für
Ressourcenstrategie der Universität Augsburg.

Durch Mikroelektronik und kleinste Bauteile sind die High-Tech-Geräte bei bis zu 300 Prozess-Schritten in der Herstellung mit unterschiedlichsten Metallen geradezu gespickt, aber eben immer nur mit Kleinstmengen. Für deren Recycling fehlt nicht nur das Bewusstsein, sondern oft auch die Technik. Zudem werden diese Produkte überall hin verkauft. Nie zuvor haben wir so viele Stoffe so fein über den Globus verteilt. Können wir sie, und wenn ja wie, wieder einsammeln? Im Design der Produkte ist eine Wiedergewinnung der Rohstoffe in der Regel noch nicht vorgesehen. Und schließlich ist es trotz aller Preisexplosionen offenbar immer noch billiger, sich die Stoffe aus den Minen zu holen, als aus aufwendigen Recyclingprozessen. Wenn wir allerdings warten, bis sich die Verhältnisse ändern, dann werden gewaltige Mengen dieser wertvollen und begrenzten Ressourcen für immer verloren sein. Dann wird es wirklich eng. Man kann nur hoffen, dass zumindest ein Teil dieser Stoffe auf Mülldeponien landet, wo man sie in 20 Jahren mit großem Aufwand wieder ausgraben kann.

Aber wie kommen wir weiter mit unserer nachhaltigen Rohstoff- Strategie? Einige Optionen: Wir können Leasing-Systeme für Produkte mit wertvollen Metallen entwickeln. Wir können den Rohstoff-Markt aber auch regulieren und Recyclingquoten vorschreiben: zuerst auf nationaler, dann auf internationaler und globaler Ebene. Wir können und wir müssen aber vor allem die Konsumenten sensibilisieren. Die kaufen nämlich nicht nur Handys und Kameras. Sie kaufen auch Kinderarbeit, soziale Missstände und Umweltzerstörung mit ein, sie kaufen Rohstoffe aus tyrannischen Regimen, die unter verheerenden Bedingungen gefördert werden. Während bei Nahrungsmitteln regelmäßig Transparenz und genaue Herkunftsangaben zumindest gefordert werden, ist dies bei High-Tech- und Konsumartikeln die Ausnahme. Transparenz wäre aber nötig, von der Gewinnung der Rohstoffe bis zu ihrer Entsorgung. Nur so bekommen Hersteller Reputation durch saubere Rohstoffe und anspruchsvolle Recyclingquoten.

»Es ist absehbar, dass künftig nur die Unternehmen
von den großen Marktchancen der ›Grünen Technologien‹
profitieren, die sich in der primären Rohstoffversorgung
mit schweren Seltenen Erden abgesichert haben.«

Harald Elsner, Bundesanstalt
für Geowissenschaften und Rohstoff

Doch gegenwärtig scheint die Diskussion noch in die andere Richtung zu laufen. Man dürfe beim Rohstoffeinkauf in Diktaturen nicht so zimperlich sein, allzu viel Rechtsstaatlichkeit behindere nur, hieß es kürzlich bei der Anhörung zur Rohstoffpolitik einer großen deutschen Partei. Ein neuer Pragmatismus, alter Wein in neuen Schläuchen, macht sich breit. Ich kauf‘ mir das Zeug, egal wo es wie produziert wird. Ausgerechnet Rohstoffriese China, der bei der Kupferversorgung selbst Probleme hat, zeigt, wie man aggressiver und kapitalistischer als alle alten Wirtschaftsmächte die Kupferregionen im Süden Afrikas »bewirtschaftet «. Ohne partizipatorische Modelle wird es aber keine verantwortungsbewusste Rohstoffpolitik geben. Indes, die Partnerschaft ist vorgezeichnet: Wir bekommen Rohstoffe und vermitteln im Gegenzug Bildung, helfen mit, erste Wertschöpfungsketten in den Herkunftsländern zu organisieren und einen zukunftsfähigen Umgang mit den Rohstoffen in Richtung Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Nur so kann der Deal dauerhaft funktionieren.

Und noch etwas fehlt in der aufgeheizten Rohstoff- Debatte: kühle wissenschaftliche Abschätzungen des Bedarfs an Spurenmetallen und anderen Rohstoffen in den Boom-Technologien. Welchen Rohstoffbedarf erfordert eigentlich die deutsche Energiewende? Welche Rohstoffe für welche Anwendungen wird die Elektromobilität verschlingen? Und was bedeutet ein Durchbruch der Brennstoffzelle für die weltweite Platinversorgung? Wir haben mehr Fragen als Antworten. Aber wir haben immerhin eine neue Rohstoff-Diskussion. Die muss schnell aus ihrer verengten Perspektive befreit werden. Zukünftige Rohstofflager sind nicht nur die Minen ferner Länder. Es sind auch unsere Schubladen, Mülleimer, Müllverbrennungsanlagen und Schlackenhalden. Und der ungebremste, sozial und ökologisch fragwürdige Elektroschrott-Transfer nach Afrika, Indien, China und Bangladesch.

 

Aus der neuen Zeo2

ZEO2, das Umweltmagazin der taz

Das neue Heft Juni 2012, erhältlich im tazshop, in den Bahnhofsbuchhandlungen und im Zeitschriftenfachhandel.

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