zeo2 - das Umweltmagazin

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zeo2 - das Umweltmagazin

ZEO2 ist ein politisches Umweltmagazin. Mit fundiertem Journalismus klären wir auf und befeuern die Debatte durch eine klare Haltung. Im Mittelpunkt stehen die Klima-, Energie- und Verkehrspolitik, die Endlichkeit von Ressourcen und Biosphäre, das Jahrhundert-Thema Nachhaltigkeit, aber auch die individuellen Lebensstile der Menschen. D... mehr »

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10999
Berlin
02.07.2012, 17:01 Uhr

Diskutieren und Jammern im Atomdorf

Liebe Leserinnen und Leser,

in Deutschland wird wieder über die Energiewende diskutiert. Nein, nicht diskutiert, sondern gejammert. Es geht um das Geld, das es kostet, die Energie-Infrastruktur eines großen Industrielands vom Kopf auf die Füße zu stellen. Darüber beklagt sich die Industrie. Die ist zwar nicht betroffen, weil die Preise an der Strombörse sinken, anstatt zu steigen. Und weil die
Bundesregierung sie weitgehend von den Umbaukosten befreit. Das unterscheidet die Industrie von den privaten Verbrauchern. Deren Strompreise steigen tatsächlich, weil die Industrie sich davonstiehlt, aber auch wegen des erfreulich dynamischen Zubaus Erneuerbarer Energien.
Doch es sind nicht die Verbraucher, die öffentlich jammern, sondern manche Verbraucherschützer.
Und der Wirtschaftsminister der FDP. Und große Teile der Medien. Sie alle entdecken plötzlich ihre soziale Ader für Hartz-IV-Empfänger, die den »Solar-Wahnsinn« (Spiegel) bezahlen müssen. Fukushima? Hallo Rösler, Spiegel, Welt, FAZ? War da was?

Auch in Japan wird über die Energiewende diskutiert. Diskutiert, nicht gejammert. Im Mai ging der 54. von 54 Reaktoren vom Netz – Atomausstieg komplett. Die Lichter gingen aber nicht aus, weil viele Japaner sie gar nicht erst einschalten. Sie tun, was sie nie getan haben: weltmeisterlich Strom sparen. Ende Mai setzte sich der frühere Premierminister Naoto Kan an die Spitze der Bewegung, die genug hat vom »Atomdorf« – so niedlich nennen sie in Japan den atomar-industriellen Komplex, der Politik, Wissenschaft und Medien jahrzehntelang auf eine Art Omerta verpflichtete, die jede Debatte über Risiken im Keim erstickte.

Kans Zeugenaussage vor dem Fukushima Untersuchungsausschuss wurde zum Fanal. Der Ex-Premier berichtete, wie im März 2011 tagelang die Evakuierung des Großraums Tokio mit 35 Millionen Menschen erwogen wurde. Der Verlust der Hauptstadt hätte »zum Kollaps der Funktionsfähigkeit des Staates geführt«. Kans Konsequenz: »Es gibt keine Sicherheit, die den nationalen Zusammenbruch ausschließen könnte.« Und es ist noch nicht vorbei: Das Lagerbecken im »Dachgeschoss« des schwer beschädigten Blocks 4 in Fukushima ist randvoll mit 1.231 hoch radioaktiven Brennelementen aus vier Jahrzehnten Betriebszeit. Die Konstruktion ist rissig. Und jeden Tag bebt die Erde.

Jürgen Resch, Gerd Rosenkranz,
Deutsche Umwelthilfe

 

Das Wort des Herausgebers - aus der neuen Zeo2

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Das neue Heft Juni 2012, erhältlich im tazshop, in den Bahnhofsbuchhandlungen und im Zeitschriftenfachhandel.

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