Gedenktag Aktion "Arbeitsscheu Reich", Zeit zu Handeln, bevor Geschichte sich wiederholt!

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Gedenktag Aktion "Arbeitsscheu Reich", Zeit zu Handeln, bevor Geschichte sich wiederholt!

Die Gedenkveranstaltung findet Samstag den 9. Juni 2012 um 16 Uhr vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Arbeitshauses Rummelsburg in der Hauptstraße 8 statt. Zwischen Hildgard-Marcusson-Straße und Georg-Löwenstein-Straße.Anfahrt: Tram 21 bis Kosanke-Siedlung oder S-Bhf Rummelsburg (Fußweg ca.10 min) WI... mehr »

Zeitraum:

09.06.2012, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr

Adresse:

vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Arbeitshauses Rummelsburg
Hauptstraße 8 (Zwischen Hildgard-Marcusson-Straße und Georg-Löwenstein-Straße)
10317
Berlin-Lichtenberg

Aktionsform:

Gedenkkundgebung

Die Gedenkveranstaltung findet Samstag den 9. Juni 2012 um 16 Uhr vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Arbeitshauses Rummelsburg in der Hauptstraße 8 statt. Zwischen Hildgard-Marcusson-Straße und Georg-Löwenstein-Straße.
Anfahrt: Tram 21 bis Kosanke-Siedlung oder S-Bhf Rummelsburg (Fußweg ca.10 min)

WIR ERINNERN UND GEDENKEN!
Am 13. Juni 2012 jährt sich zum 74. Mal die Durchführung der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ durch die Kriminalpolizei, die symptomatisch für den Beginn der offiziellen „Asozialenverfolgung“ durch das Nazi-Regime steht. Sie stellte die Legalisierung einer jahrelang zunehmenden Ausgrenzungs- und Entrechtungspolitik durch Stigmatisierung und Kriminalisierung sogenannter sozialer Randgruppen dar. Betroffene waren zum Beispiel Obdachlose, Bettler_ innen, Prostituierte, Homosexuelle, Sinti und Roma, Alkoholiker_innen …, die u. a. als „Unangepasste“, „Un- bzw. Minderwertige“, „Unnütze“, „Arbeitsunwillige“ bzw. „Volks- bzw. Gemeinschaftsfremde“ gebrandmarkt wurden. Unter den Nazis bedeutete dies für Zehntausende, der als „Asoziale“ stigmatisierten Menschen Verfolgung, Sterilisation, Gewahrsamnahme bis hin zur Zwangsarbeit und Ermordung in Konzentrationslagern.


WARUM GERADE AN DIESEM ORT?
Bereits ca. 90 % des Areals der ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser stehen symptomatisch für eine ganze Reihe authentischer Orte von Naziverbrechen, die in den letzten Jahren durch Privatisierung und Kommerzialisierung entsorgt wurden. Nicht nur die frischen Fassaden täuschen über ihre Geschichte hinweg. Während z.B. das „ANDERE HAUS VIII“ an der Rummelsburger Bucht aus der Nutzung des Areals als Knast in der DDR Kapital zu schlagen versucht oder dort ansässige Vereine sich ausschließlich dem Unrecht in der DDR widmen, erinnert nichts an den Naziterror an diesem Ort. So z.B. auch nicht: an die sowjetischen Zwangsarbeiter_innen. Mädchen und

jungen Frauen die nachts eingepfercht und tagsüber in die anliegenden Fabriken der IG Farben oder nach Oberschöneweide getrieben wurden. Dieses Parallelgedenken stellt einen Versuch dar, die Singularität der Verbrechen des Naziregimes zu leugnen, zu relativieren und zu bagatellisieren, um damit auch die letzten Überlebenden im stillen Gedenken zu begraben. Eine Gleichsetzung des Naziregimes mit der DDR lehnen wir aber an jedem Ort und zu jeder Zeit ab. Sowohl Völkermord als auch der Vernichtungskrieg der Nazis waren ein einmaliger Zivilisationsbruch und jeder Versuch der Relativierung und Verharmlosung ist ein geschichtsrevisionistischer Vorstoß, dem wir uns entgegenstellen. Sonst übertönt das Schweigen über Unrecht und Mord der Nazis auch weiterhin das Schreien der Gefolterten im „Raum der Stille“ des etwas anderen Hauses VIII.


Ihrem Raum der Stille, des Verschweigens und Vergessens wollen wir unser vernehmliches Gedenken entgegen setzen und forderten: Gerade an diesem authentischen Ort darüber hinaus eine Erinnerungs- und Lernstätte zu Kontinuitäten und Brüchen sozialer Ausgrenzung mit Schwerpunkt zur „ Verfolgung und Ermordung sogenannter Asozialer durch das Nazi-Regime“. Nach jahrelangem Warten und Fordern befinden sich nun Hinweistafeln in Arbeit, eine so genannte Expertenkommission diskutiert über Form und Inhalt eines zukünftigen Gedenkortes und im Herbst soll ein Runder Tisch zur Diskussion erster Ergebnisse einberufen werden.

WIR (ER-) MAHNEN!
Nicht nur aber insbesondere in Krisenzeiten verschärft sich der Ton, der in und durch Politik, Medien und Gesellschaft die propagandistische Begleitmusik für Ausgrenzung und Rassismus ist. Wieder ist es an der Tagesordnung „unwerte“, „unnütze“, „unwillige“ oder „unangepasste“ Menschen als Abweichung von einer vermeintlichen Norm zu konstruieren, um sie diskriminieren, kriminalisieren und ausgrenzen zu können. Sanktionen bzw. Zwangsmaßnahmen sollen ideologisch gerechtfertigt bzw. deren Notwendigkeit öffentlich akzeptierbar gemacht werden. Es ist ein sozialpsychologisches Klima erzeugt worden, das Leistungseinschränkungen oder auch Zumutbarkeits- oder Sanktionsverschärfungen den Boden bereitet. Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit und Humanität bleiben im „Säurebad der Konkurrenz“ (Karl Marx) auf der Strecke. So wird unter dem euphemistischen Label „Integrationsdebatte“ gegen Menschen anderer
Herkunft oder Religion gehetzt und eine Ausgrenzungspolitik betrieben. Unter der nicht gerade neuen Behauptung, der „Sozialstaat“ sei nicht mehr finanzierbar, werden sozial Benachteiligte unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt und diskriminiert. Oder es wird zunehmend unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit mal gesagt, „was doch wohl mal gesagt werden können muss“. Auch ideologische Versatzstücke von Vererbungs- und Überlegenheitstheorien wie von Alfred Grotjahn bis zu Thilo Sarrazin dienen als Basis für die öffentliche Legitimierung von Stigmatisierungen, Kriminalisierungen und Sanktionierungen von zu Sündenböcken stilisierten Bevölkerungsgruppen.


LEHREN ZIEHEN!
Die heutige manifeste Neubelebung stigmatisierender Zuschreibungen insbesondere
gegen die so genannten Verlierer_innen der Konkurrenz- bzw. Leistungsgesellschaft darf nicht weiter zugelassen, dem Rechtsruck der Gesellschaft nicht weiter still schweigend gefolgt und Vorurteile nicht weiter reproduziert bzw. Ängste geschürt werden. Die Ursachen und Verursacher_innen für komplexe soziale Probleme müssen klar benannt und vereinfachende Lösungsangebote über eine bloße Bekämpfung von Symptomen aus einer verzehrt dargestellten Wirklichkeit abgelehnt werden. Rassismus und Ausgrenzung sind Standbeine einer Wirtschaftslogik, die Menschen auf ihren bloßen „Nutzen“ (Mehrwert) bzw. ihre „Verwertbarkeit“ reduziert, sie erpressbar und manipulierbar macht sowie sie entsolidarisieren soll. Im Kampf „jeder gegen jeden“ soll eine permanente
soziale Selektion stattfinden. Erneut wird ein Kampf gegen Betroffene von Armut und nicht gegen deren Ursachen und Profiteure konstruiert. Stigmatisierungen und Kriminalisierungen schlagen sich in Europa bereits wieder verstärkt in Bettelverboten, staatlichen und behördlichen Zwangsmaßnahmen sowie polizeilichen Repressionen nieder.

Einer solchen Logik müssen wir uns stärker entgegenstellen!


Der AK „Marginalisierte - gestern und heute!“ will mit einem jährlichen Gedenktag an den 13. Juni die Öffentlichkeit auf diese weitestgehend vergessenen NS-Opfer aufmerksam machen, ein würdiges Erinnern ermöglichen und seine Forderungen nach
Aufarbeitung dieses NS-Unrechts sowie nach Rehabilitierung und Entschädigung bekräftigen.
Denn nur wer die Geschichte kennt und daraus entsprechende Lehren zieht, kann die Zukunft diskriminierungsfrei gestalten! Niemand und nichts ist „asozial“!

Der schwarze Winkel steht dafür als Mahnung!

Programm
Redebeiträge von:
Ilse Heinrich, Zeitzeugin
Thomas Irmer, Historiker
N.N., Amaro Drom e.V.
AK 08. Mai Berlin-Lichtenberg
N.N., Bündnis „Niemand ist vergessen“
Dirk Stegemann, AK Marginalisierte
N.N., Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ-Uckermark“
Susanne Doetz, Gastwissenschaftlerin am Institut für Geschichte der Medizin
Moderation:
Lothar Eberhardt, AK Marginalisierte
Musik
Alex, Straßenmusiker
Singender Tresen (angefragt)
Rezitationen
Gina Pietsch, Sängerin, Schauspielerin und Brecht-Interpretin
Organisation
Dirk Stegemann / Lothar Eberhardt AK „Marginalisierte – gestern und heute!“
Technik
Christoph Schneider
Grafik und Satz
Michael Mallé
(www.stadtbild-grafik.de)

Themenkategorien:

Globalisierung / Entwicklung / Migration, Antifaschismus, Soziales / Arbeit, Bildung / Familie / Gesundheit, Frieden / Antimilitarismus, Freiräume / Subkultur, Politik / Demokratie / Recht