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Das „me too“ ist eine schillernde Figur. Im Jargon der Wettbewerbswirtschaft gilt es als abfällige Qualifizierung, die übersetzt hieße „unter ferner liefen“, im Wettbewerb weit hinten. Im zeitgenössischen Diskurs erfährt das „me too“ eine seltsame Aufwertung. Anders als der #aufschrei vor einigen Jahren, der nichts anderes tat, als der Hashtag bezeichnete, nämlich aufzuschreien, vermittelt das neue #metoo ein schillerndes „ich auch“. 

Die Erfahrung individuellen Leids verwandelt sich in ein Mitleiden. Es evoziert traumatisches Erleben und Überleben und fordert Solidarität ein. Zugleich schwingt im #metoo etwas Anderes mit. Dieses Andere bezieht sich nicht auf das Erleiden sexuell motivierter Gewalt. Es diskreditiert sexuelles Verlangen insgesamt. Ins Echo mischt sich eine Prüderie und ein Verdi-Chor der Heuchelei, in die sich auch Stimmen einmischen, die dem Befangenenchor (sic!) etwas Übles beimischen. Wie gehen wir damit um? Hat sich der Kampf um sexuelle Befreiung in lüsterne Libertinage und nunmehr zu einer Verdammnis sexuellen Verlangens insgesamt verwandelt? Das wäre fatal. 

Sexueller Missbrauch ist verwerflich. Das gilt für jeden Versuch, Macht oder körperliche Überlegenheit sexuell zu missbrauchen. Die #metoo-Debatte hat den Verdienst, etwas sichtbar zu machen und anzuprangern, das gang und gäbe scheint. 

In ihrem Windschatten passiert zugleich etwas Anderes. Das Reden über Sex und sexuelles Verlangen werden wieder anrüchig. Ein neuer Puritanismus scheint sich schleichend aber trotzdem spürbar auszubreiten. 

Jan Feddersen (IQN-Vorstand und taz-Redakteur) diskutiert dazu mit: Hans Hütt. Er ist Autor, Berater und Essayist für taz, FAZ und andere Medien. Aufgewachsen am Niederrhein. Studium der Politikwissenschaft, Musikwissenschaft, Psychologie, Empirischen Kulturwissenschaft, Vergleichenden Literaturwissenschaften und Religionswissenschaft in Tübingen und Berlin. 

Eine Veranstaltung der Initiative Queer Nations in Kooperation mit der taz.

Bildnachweis: rtr

Zeitraum

12.12.2017, 19:00 Uhr - 12.12.2017

Adresse

taz café
Rudi-Dutschke-Str.23
10969
Berlin-Kreuzberg

Eingetragen von

tazcafe

Aktionsform

Queer Lecture

Themenkategorien

Freiräume / Subkultur
Politik / Demokratie / Recht

Website

http://taz.de/Queer-Lecture-12122017/!165526/

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